00 / Einführung
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Meine Herren!
Ich habe die Ehre, Sie mit den Ergebnissen einer Forschung bekannt zu machen, welche zwar die gewonnenen Resultate nicht unmittelbar zum Zwecke hatte, aber wohlbewusst unternommen, sie zur Folge haben konnte. —
Nachdem mir die Erlaubniss zu Theil geworden, den ausgezeichneten Handschriftenschatz des hochw. Metropolitancapitels zu Prag zu benützen, war meine Aufmerksamkeit auf zwei Punkte gerichtet, 'einmal die beabsichtigten Specialforschungen anzustellen, um deren willen ich mir die Erlaubniss erbeten; dann so viel wie möglich, mich mit dem Ganzen bekannt zu machen. So viel nänilich von bewährten Forschern, die ich sehr gerne als meine Meister erkenne, bereits in dieser Bibliothek nachgesucht worden, so bleibt bei dem ausserordentlichen Reichthum an Schriften und Schriftstellern denn doch noch Manches zu leisten übrig und ich glaube selbst, ohne einen gegründeten Widerspruch zu befürchten, das Urtheil aussprechen zu dürfen, dass für eine äusserst lebensrolle Periode Böhmens die Geschichte der vaterländischen Literatur nur mit Hülfe dieses Handschriftenschatzes geschrieben werden kann, jede ohne seine Zuziehung geschriebene höchst bedeutende Lücken enthalten muss. Man weiss nicht, soll man mehr die Anzahl von Handschriften aus den verschiedensten Gebieten, oder die Schönheit der Codices, oder die ungeheure, minutiöse Gelehrsamkeit derjenigen bewundern, welche ihre wissenschaftlichen Ausarbeitungen erst im Carolin vor- getragen, dann hier reponirt haben, um nach einem halben Jahrtausende dem staunenden Forscher zu zeigen, mit welchen Fragen sich wissenschaftliche Männer der frühern Zeit – der Glanzperiode Böhmens – beschäftigt, mit welchen Schwierigkeiten sie gekämpft, bis zu welchem Grade sie dieselben überwunden, und in wie weit sie, in einer an Hülfsmitteln so armen Zeit, die Wissenschaft gefördert haben. – Aber neben der Gewissheit, hier das geistige Rüstzeug einer ganzen Nation, die verschiedenartigsten Waffen der literarischen und religiösen Parteien, wunderschöne Exemplare der Kirchenväter, des canonischen und bürgerlichen Rechtes, Formelbücher, medicinische und theologische Schriften, Bibeln und deren Überarbeitungen, liturgische Schriften und die reichsten Sammlungen all der Streitschriften vor sich zu haben, welche in die Periode trauriger Selbstzerfleischung fallen, macht sich zugleich das wehmüthige Gefühl geltend, dass es eine Periode gab, die für das eigene
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Alterthum, die eigene Vorzeit keinen Sinn besass, und die werthvollsten Denkmale der Kirchen- und Profangeschichte nur zur Hölle für die untergeordneten Producte der eigenen Zeit bestimmt erachtete. Ihr gehören die Beste longobardischer Schriften, die zu Einbinden verwandten päpstlichen Originalballen, die Reste einer divina comedia, selbst jene böhmischen Fragmente an, durch deren Auffindung sicher gestellt worden ist, dass, was man bisher als zerstrente Legenden des XIII Jahrhunderts ansah, zusammengehöre und diese Reste Eines grossen böhmischen Gedichtes sind,, welches sich ebenso sehr durch seinen, jetzt nur mehr zu errathenden beträchtlichen Umfang, wie (nach dem Urtheile von Kennern) durch die Schönheit seines Stiles, die Eleganz des Ausdruckes, die Eigenthümlichkeit der Composition auszeichnete. Selbst im Bezug auf altdeutsche Literatur ist die Bibliothek nick- unbedeutend, da sie ausser Fragmenten von Predigten des XII Jahrhunderts das Kunigbuch von Behem in Versen und eine nicht benützte schöne Handschrift des Marienlebens vom Bruder Philipp enthält.
An demselben Tage, an welchem es mir gelang, jene altböhmischen Fragmente zu entdecken, unterwarf ich auch den Codex A. LX, einer näheren Prüfung und überzeugte mich sehr bald, dass sein Werth nicht bloss in dem hohen Alter seiner Abfassung, – aus gleichem Alter sind wohl 20-30 Handschriften, wo nicht mehr, vorhanden nicht bloss – in seinem Miniaturblatte- ungleich schönere und belehrendere enthalten andere Codices sondern in seinem unscheinbaren Anhange liege. Neben dem eigentlichen Inhalte, der la teinischen Übersetzung der Apocalypse, der Apostelgeschichte, der Briefe des heil. Paulus und den spätern Zusätzen, welche die jüngere Hand augenblicklich kenntlich machen, befinden sich nämlich auf der inneren Seite des Rückdeckels 2 gleichgrosse, wenn auch nicht gleichartige Pergamentstreifen, welche, wie es scheint, unmittelbar bei dem Binden des Codex mit eingeklebt wurden und mit dem Einbande fast zu einer Masse verwebt waren.
Ehe ich jedoch von diesen spreche, sei es vergönnt, vom Codex selbst noch einiges zu erwähnen. Der ausgesucht schöne lateinische Pergamentcodex, dessen Schriftzüge mit den in Sct. Gallen üblichen am meisten Ähnlichkeit haben (sich: Pertz Tafeln zu den Monum. Bd. II. T. V.), ist mit goldenen, reichen Initialen geziert; bei den Überschriften wechselt die schwarze Tinte mit rother. Er erweist durch das seltnere Hervortreten des kurzen s neben dem gewönlichen langen, des e, in welches das ursprüngliche ae selbst durch Radirung verwandelt wurde, des ij neben y die Übergangszeit des XI Jahrhunderts; durch seine Pracht und Schönheit im Allgemeinen, dass er neben dem eigentlichen Gebrauchszwecke, zu dem die Prologe vor den einzelnen Stücken, die Inhaltsverzeichnisse etc. dienten, noch eine besondere Bestimmung hatte, zu einem ganz besonderen Zwecke diente. Dass derselbe seine ursprüngliche Gestalt nicht mehr vollständig habe, ist vorhin schon angedeutet worden, obwohl Alles bei ihm den Eindruck erregt, er sei anfänglich hoch in Ehren gehalten, erst spät mit Zusätzen vermehrt worden.
Die Rückseite des Pergamentblattes, worauf das Miniaturbild gemalt ist, ward in späterer Zeit (XIV Jahrhundert) mit einer Festrede auf den heil. Mathias beschrieben; unterhalb beisst es von verhältnissmässig noch alter Hand: novum testamentum in pergameno in cujus principio est yeon et in fine passio sancte Cordule. Auf das am Ende noch übrige Pergamentblatt und unmittelbar nach dem Ende der passio beginnend folgt zuletzt noch die Legende der 5 polnischen Brüder, jedoch nicht vollendet und auf diesem Blatte Flecken, welche offenbar von dem spätern Eindringen der Feuchtigkeit herrühren, welche das Miniaturbild chensosehr wie die letzten Blätter beschädigte und selbst auf den Leim wirkte, mit welchem der Einband, wie die auf die Rückwand befestigten Pergamentstreifen verklebt wurden. Ob der jetzige Deckel vom Anfang an war oder nicht, mag behauptet oder verneint werden; aber selbst, wenn er viel jünger wäre, würde dieses ebensowenig das Alter des Codex als jener Pergamentstreifen bestimmen. Der uralte Seidenzeug, welcher vor der Miniatur ist, ist in den Codex eingebunden; das Pergament des Codex hat, wie die erwähnten Pergament- stücke, vom Holzwurme gelitten. Dass die Pergamentblätter nicht vor dem Miniaturbilde, sondern rückwärts eingebunden sind, wo sie weniger gesucht und eben desshalb weniger abgenutzt werden, scheint uns von Bedeutung. Sie sind gleichsam das Gegenbild des im Anfang stehenden. Möglicher Weise dienten sie auch nur als Bindematerial.
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Das Bild, welches das erste Blatt des Codex schmückt, besteht aus zwei gleichen Theilen, um die sich ein gleicher Rahmen im länglichten Viereck zieht, der selbst an den 4 Ecken und rechts und links in der Mitte, also von (6) runden Medaillons, Brustbildern von Heiligen auf Goldgrund durchbrochen wird. Zweifelsohne sind es die vier Evangelisten (in den 4 Ecken), in der Mitte ein Bischof mit segnender Hand (Method?), ihm gegenüber ein Mönch (Cyrill?). Der obere Theil stellt eine Scene der Apocalypse, Christus mit dem vor ihm niedersinkenden, von ihm aufgerichteten Evang. Johannes dar, drei Leuchter zu jeder Seite, einen siebenten hinter sich, ein Schwert queer im Munde, in der linken Hand 7 Sterne, mit der Rechten den Jünger bei dem bärtigen Kinne fassend. Unterhalb die noch erhaltenen Buchstaben auf einer queer über den Goldgrund laufenden blauen Leiste:
(SI......VIS SOLEM. DEBES...S...ERE...TVM, was ich mit Beziehung auf das flammende Antlitz Christi, das Ganze nach Apocalypse c. 2. so lese: si nequis solem, debes conspicere Christum. Das untere Feld enthält (wie das obere auf Goldgrund) zwei Haupt- und 2 Nebenfiguren. In der Mitte ein Herzog mit der Lanze und Fahne in der Rechten, in einem blauen, bis zur Mitte der Waden reichenden, unten verbrämten Oberkleide, grünen engen Beinkleidern, rothen Stiefelschuhen, einem rothen Martel; auf dem Haupte ist eine eigenthümliche, wallende Binde. Vor ihm steht ein Abt mit Krummistab und Tonsur, einem grauen (griseus), mehrfach offenen Oberkleide mit Oberärmeln über einem rothen, langen Unterkleide. Hinter ihm steht ein Mönch in ähnlichem Costüme; hinter dem Fürsten sein Schwertträger mit blossem Schwerte in der Rechten, kurzem verbrämten Rocke, rothen, faltigen Hosen und gleichen Schuhen, das Haupt ist unbedeckt, die Linke flach gehoben, so dass man den ausgestreckten Daumen und die offene Hand gewahrt.
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Die Gesten der beiden Geistlichen sind eigenthümlich. Der rückwärtsstehende öffnet die rechte Hand und hält die Linke, um das aufzunehmen, was der Bischof oder Abt ihm zu geben willens sein mag. Dieser hat ein Buch mit der Aufschrift dominus (nicht domino) in den Händen, welche in ähnlicher Haltung begriffen sind, wie die des hinter ihm stehenden, in Erwartung befindlichen Mönches. – Der Herzog, den schon die characteristische grüne Farbe seiner Beinkleider und die rothen Schuhe als einen Slawen darstellen dürften, hält die Lanze in der Rechten, die Linke in der Art, dass zwei ausgestreckte Finger noch den Act des Gebens, die geschlossenen übrigen andeuten, dass der Act bereits geschehen und die Gabe eingehändigt sei.
Wenn der Verfasser der longobardischer Gesetze dem Fürsten Arechis den Codex der- selben überreicht, sitzt der Fürst auf dem Throne und das Buch ist zu seinen Füssen niedergelegt. 1 Neben dem Fürsten steht der Schwert- oder Keulenträger. – Knieend überreichen zwei Mönche dem Abte Balsamus ein Buch (de septem sigillis), nach einem Bilde des XIII Jahrhunderts. Ähnliche Darstellungen bei Überreichung von Büchern finden sich häufig.
In der Regel wird das noch nicht abgenommene Buch unten mit beiden Händen von dem Übergebenden gefasst und so übergeben, dass der Empfänger es an der obern, von dem Geber freigelassenen Seite zu Händen nehmen kann. Ganz das entgegengesetzte tritt hier ein. Die Mönche sind die Beschenkten; der Abt hat das Buch empfangen, das ihm der Herzog gab, und damit ja kein Zweifel darüber sei, das die Verkündigung des lateinischen Evangeliums, welches der Herzog gab, von diesem verlangt sei, trägt das Buch die Aufschrift dominus. Aber wer ist der Herzog mit der Fahne, welche das Herzogthum und zwar das Lehenherzogthum bedeutet? Anscheinend ist kein Anhaltspunkt, dieses zu enträthseln, und doch bietet nähere Betrachtung des Kopfschmuckes einen ganz sicheren dar. Es ist offenbar nicht bloss eine Binde, sondern auch eine röthliche niedrige Mitra, welche uns in dem Geber eines Codex des XI Jahrhunderts den Herzog Spytignev II vorführt, welchen Papst Nicolaus II 1059 mit der Mitra beschenkte, und von dessen Person es heisst: erat vir valde speciosus, caesarie pice nigrior atra, barba prolixa, facie lacta, genae ejus candidiores nive et parum rubentes per medium. Quid plura? vir bonus et talos a vertice pulcher ad imos erat. (Cosmas pag. 129.)
Ich glaube hier auf jene Worte des Cencius Camerarius verweisen zu dürfen: item in quodam tomulo Lateranensi inter cetera Spicincus Dux Boemie accepit licentiam a P. Nicolao sibi portandi mitram et promisit so daturum omni anno centum libras argenti de terra sua sub nomine census. Sie fügen sich von selbst an die des Cosmas über Spytigaèv an: pelliceam autem episcopalem et tunicam clericalem, quam desuper indutus in capite jejunii per totam quadragesimam gestabat. 2
Die auffallende Tracht des Herzogs mag sich daraus erklären. Dass die Mitra, wie das Fähnlein bei böhmischen Herzogen, erstere seit Spytigaèv auch bei seinem Bruder Vratislav vorkömmt, letzteres schon auf den Siegeln des Boleslaus (Pubička III. S. 109) sich darstellt, ist bekannt. Boleslaus ist jedoch baarhaupt (wie auf den Siegeln auch Spitigněv. Pu bička S. 380.) Die Münzen des Vratislav (Pubička S. 402.) aber zeigen bekanntlich diesen Fürsten in der eisernen Pickelhaube und auf der Rückseite ein mit einem Kopfschmucke geziertes Haupt, in welchem man die Mitra erkennen kann, welche ihm P. Alexander II
1 / Miniatur von La Cava bel Sylvester Paléographie uuiverselle Bd. III.
2 / Palacký 1. S. 292-297.
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schenkte, von der dessen Nachfolger, P. Gregor VII., schrieb, quod laicae personne tribui non consuevit. Die Mitra des Vratislav ist auch so hervorragend geistliche Mitra und in dieser Weise auf den Münzen gehalten, dass ihr Unterschied gegen die des Miniaturbildes augenfillig ist. Diese besteht aber vorzüglich aus einer Binde, wie Dobner (Kritischer Beweis in Born's Abhandlungen einer Privatgesellschaft Band III. S. 157) in Darlegung des eigentlichen Begriffes von Mitra ausführte, dass diese zunächst darunter zu verstehen sei, auf welcher sich das Almutium erhob, das nach der Grabschrift im Dom Spytignev im Chore zu tragen pflegte.
Der spätere Schmuck, welchen die böhmischen Herzoge zu tragen pflegten, unterscheidet sich wesentlich von dem frühern. Er ist entweder geradezu ein goldener Reif, corona, diadema 1 , circulus regalis, wie ihn Heinrich IV. dem Könige Vratislaus 1086 und später Kaiser Friedrich Barbarossa dem Könige Vladislaus durch Urkunde vom 18. Januar 1138 zu tragen gestattete: oder er ist der eigentliche herzogliche (Kur-) Hut, wie er in dem merkwürdigen böhmischen Manuscripte speculum humanae salvationis (Cod. cap. metrop. A. XIII.) mehrmals abgebildet erscheint.
Man kömmt aber mit Erwähnung dieser Mitra zu einer in der böhmischen Geschichte merkwürdigen und höchst einflussreichen Thatsache, ja zu einem wahren Wendepunkte der böhmischen Geschichte.
Die Krone, welche Vratislaus I, Vladislav I und ihre Nachfolger von den deutschen Kaisern wegen ihrer und ihres Volkes Verdienste um das deutsche Reich erhielten, war ein kaiserliches Geschenk 2, stammte aus Deutschland und schmiedete mit goldenen Banden Böhmen an die Geschicke des deutschen Reichs. – So war es aber nicht immer gewesen und am wenigsten in den Tagen Spytignev's. Damals hatte Böhmen noch die Wahl, wie Ungarn, Croatien, Polen, durch Anschluss an den römischen Stuhl seine Unabhängigkeit von Deutschland zu erringen. Dann aber musste man nicht die Partei Heinrich's IV. gegen Gregor VII. ergreifen, nicht wie Vladislaus die böhmische Sache mit der ghibellinischen identificiren, sondern die päpstliche Partei ergreifen und an der Aufrichtung eines päpstlichen Staatensystems dem deutschkaiserlichen gegenüber arbeiten. Verliessen aber die Nachfolger Spitignev's die von diesem eingeschlagene Bahn, dann war auch Böhmen mit Wissen und Willen seiner Dynastie, seiner Könige und natürlichen Repräsentanten des Volkes in eine Richtung hineingezogen, welche für Jahrhunderte massgebend wurde.
So führt uns denn der Codex unmittelbar in jene Katastrophe der böhmischen Geschichte ein, durch welche sich der Gang derselben entschied und zwar durch freie That der Böhmen selbst, welche übrigens in diesem ihrem politischen Entscheid nur jener Richtung
1 / Su bei Cosmas.
2 / Beneficio imperialis excellentiae ob insignia seit de decationis tam ejus quam omnium Bocmorum merita- circalum gestandi concessimus. Urk. K. Friedrichs bei Erben, Regest. n. 295. Den Ausdruck corona und diadema, den Cosmas für die böhmische Krone gebraucht, reservir die Urkunde für die deutsche Königs- und Kaiserkrone.
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folgten, die lange vorher jene 14 böhmischen Grossen eingeschlagen, welche den kirchlichen Anschluss Böhmens an Deutchland (Regensburg) veranlasst hatten.
Allein auch nach einer andern Seite bin gewährt das Bild bei näherer Untersuchung unerwartete, ja überraschende Aufschlüsse.
Wer ist der Abt, welchem der böhmische Herzog, den wir für Spitigněv mit allem Fuge zu halten berechtigt sind, das lateinische Exemplar der Apostelbriefe in so schöner Ausstattung bestimmte? Es liegt sehr nahe, dass es lateinische und nicht griechische oder slavische Mönche gewesen sein dürften und in der That wissen wir ja, dass gerade Spitignév es war, welcher die slavischen Mönche aus Sasara verjagte und deutsche Mönche (des lateinichen Ritus) dort einsetzte. 1 Es war dem Herzoge der Verdacht beigebracht worden, dass durch die slavische Schrift (per sclavonicas literas) die Häresie eingedrungen sei; die alte Klage der Deutschen, welche schon gegen den heiligen Method erhoben worden war! Der slavische Abt Vitus entwich hierauf nach dem Hunenland (in terram Hunorum) d. i. doch wohl in eines der damals noch existirenden slavischen Klöster in Ungarn. Der Herzog aber setzte nun nach seiner Vollgewalt (potestativa Ducis majestas) einen deutschen Abt (abbatem genere Teutonicorum) in Sázava ein und erhielt das Kloster bis zu seinem Tode den Deutschen. Somit war es Spytigněv, der böhmische Herzog, selbst, der den lateinischen Ritus zum Siege über den slavischen erhob und von dem es, als er die Deutschen einführte, mit Recht heissen konnte, wie die Umschrift des untern Theiles des Miniaturbildes besagt: »Si parum dabit (resp. dedit), munus votum superabit,« wenn er auch jetzt wenig gab, so wird das Geschenk (des lateinischen Klosters) den Wunsch der Mönche noch übertreffen. Somit ist denn in allem bisher erwähnten ein vollständiger Einklang. Die Miniature, wahrscheinlich erst im Kloster, jedenfalls in Böhmen gemacht, hat eine feste historische Grundlage und steht in Verbindung mit einer Thatsache, von welcher man sich eine neue Ära erwartete, was nicht ohne Beziehung zu dem apocalyptischen Bilde stehen mag, wo Christi Angesicht gleich der Sonne leuchtete. Herzog und Abt erklären sich gegenseitig; die Überreichung des lateinischen Buches, welche sinnbildlich der Einsetzung eines lateinischen Abtes vorangieng ; die Gewissheit, dass es sich hier um ein Geschenk an den Abt, nicht von dem Abte handle ; die Geste des Bruders, wie die des Schwertträgers, dessen offene Hand gleichfalls andeutet, dass eine Gabe stattgefunden habe und gleichsam die Übereinstimmung des Volkes (Adels) erweist; endlich der Herzog mit der Mitra, zuletzt das Buch selbst mit seiner prachtvollen Austattung und der practisch eingerichteten Form seines Inhaltes lassen wohl keine andere Deutung zu.
So lange nun Spytignev lebte, blieben die Deutschen im Besitze von Sázava, ungeachtet I der heilige Prokop selbst, der Gründer von Sázava, 1053 in nächtlicher Erscheinung den deutschen Abt geisselte. Als aber Spytigněv gestorben war, kehrten die ausgewanderten Mönche zurück und begann die Reaction gegen den lateinischen Ritus, welcher mit dem
1 / Das Zengniss des Chronisten von Sázava bei Cosmas p. 96 gibt hierüber die unverwerflichsten Aufschlüsse,
2 / Cosmas p. 97.
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deutschen Wesen identisch geworden war, sich so sehr geltend zu machen, dass der böb mische Adel geradezu von dem böhmischen Herzoge Vratislav laut, begehrte, er möge bei dem Papste die Einführung des slavischen Ritus durchsetzen, P. Gregor VII. verweigerte jedoch diese Bitte, »ungeachtet einige Religiosen dasjenige, was das Volk wünschte, duldeten oder ungeändert geschehen liessen.« (2 Jan. 1080.) 1 Wenige Jahre vergiengen und derselbe Herzog, welcher diese Bitte gestellt, der selbst auch den St. Peters Zins (100 böhmische Pf. Silber) eingesandt, schlägt sich auf die Seite des Gegenpapstes, macht sich von der Entrichtung des Zinses los 2 und wird durch den deutschen Kaiser erster König von Böhmen 3 1086; die slavischen Mönche aber erlangen ein Ansehen, dass der Abt von Sázava fast allen böhmischen Äbten voranging, ja er selbst es wagte, dem neuen Könige die Krone aufzusetzen 4, was das Amt des Prager Bischofs war, als diese Anmassung den Bischof bewog. mit aller Schärfe dagegen aufzutreten. Bald gesellten sich hierzu unter den slavischen Mönchen selbst in dem Augenblicke, wo sie vor Allem hätten Eins sein sollen, Eifersucht und Uneinigkeit: sie überboten sich in Anklagen gegen den Abt und ruhten nicht eher, bis der Abt wirklich abgesetzt, aber auch die Brüder selbst vertrieben wurden. Beinahe zu gleicher Zeit ward jetzt in Böhmen dem nationalen Heidenthum 5 und dem slavischen Ritus die Duldung entzogen 6, die slavischen Bücher theils vernichtet, theils zerstreut. 7 – Bekanntlich ist das Evangelium des heil. Prokop nach Frankreich gekommen und empfieng dort von den Königen vor der Krönung zu Rheims den Krönungseid. Das glagolitische Fragment, welches sich wie eine Siegestrophäe des lateinischen Ritus über den slavischen aus dem Schiffbruche der slavischen Bibliothek von Sázava gerettet-hat, indem es dem Codex des Herzogs Spytigněv beigebunden wurde, gehört zu diesen Resten einer Sammlung, die für das slavische Alterthum von unschätzbarem Werthe sein musste.
In wie ferne ihm ein geschichtlicher Werth zukömmt, dürfte bereits hinlänglich aus dem Vorhergehenden erhellen. Es dürfte jedoch auch noch andere Fragen zu beantworten berufen sein. Bereits hat der grösste Kenner böhmischer Geschichte, Herr Palacký, aufmerksam gemacht 8, welche Bedeutung ihm für die Controverse zukomme, ob der heil. Methud nach Böhmen gekommen sei. Der gelehrteste Kenner slavischer Alterthümer mag auseinandersetzen,
1 / Erben Num. 162 quod quidam religiosi viri hoc, quod simpliciter populus quaerit, patientes tulerunt seu incorrectum dimiserunt.
2 / Erben N. 171.
3 / Zur richtigen Auffassung dieser Sache gehört noch folgende Stelle aus dem Briefe P. Innocenz III an den dritten böhmischen König Přemysl Otakar I bei Erben, Regest. n. 478: licet ante tuae promotionis tempora multi (zwei) fuerint in Bohemia regis diademate insigniti: nunquam tamen potuerunt a praedecessoribus nostris Romanis pontificibus obtinere, ut reges earum in suis literis nominarint. 19. April 1204.
4 / Regis – capiti coronam imposuit. Bei Cosmas, p. 101.
5 / Unter Břetislav II 1092 Com. S. 197.
6 / Palacký 1. S. 339,
7 / Libri linguae eorum deleti omnino et disperditi. Cosm. S. 102.
8 / Zeugenverlie über den Tod K. Ladislaus S. 58 (in den Abhandl. der k. böhm. Ges. d. Wissenschft. V Folge 9, Band.)
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in wie ferne für die Frage über die Ursprünglichkeit der Glagoliza und der Cyrilliza daraus Belege gewonnen werden. Ich glaube noch einen Punkt als von ungemeiner Wichtigkeit hervorheben zu dürfen. Gehören diese Fragmente ihrem sprachlichen Alter nach der Zeit der Slavenapostel an, so, beweisen sie auch durch ihren Inhalt am besten das Unrecht der deutschen Anklage wegen vermeintlicher Unkirchlichkeit dieser hochverdienten Männer; die Übereinstimmung der in slavischen Schriftzügen und Sprache gehaltenen Lehre dieser Apostel mit der des Abendlandes, Roms und der katholischen Kirche wird auch durch diese Fragmente siegreich erhärtet. Böhmen, das von zwei Seiten die Keime religiöser Bildung empfing, vom Westen wie vom Osten, das durch seine Lage und Weltstellung berufen ist, den Osten mit dem Westen zu vermitteln und in seiner ganzen Geschichte diesen Dualismus als seinen Kern zeigt, empfing somit von beiden Seiten eine gleiche höbere Einheit und damit die Mission, auf die verwandten Slavenstämme in diesem Sinne einzuwirken, wie es andererseits dem deutschen Rechte gegenüber durch seine innere Abgeschlossenheit in den verwirrtesten Zeiten zur Stütze diente, selbst den deutschen Staaten in der Ausbildung seines innern Organismus vorleuchtete und in Bezug auf Ausbildung des Territorialsystems ein vielfach nachgeahmtes Muster ward.