17 / Vaterland
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Nach dem Laufe der bisherigen Erörterungen über unsere ehrwürdigen Reste bleibt noch übrig das Vaterland und das Aller derselben genauer in Erwägung zu ziehen. Wir berühren hiemit zwar die interessanteste, aber zugleich die schwierigste und dunkelste Partie unserer Aufgabe. Diese Schwierigkeiten würden weit geringer sein, wenn sich uns aus den ersten zwei Jahrhunderten nach der Einführung der slawischen Liturgie bei den mährischen und pannonischen Slawen zahlreichere, zumal datirte Handschriften und Reste erhalten hätten und wenn wir über den Ursprung der beiden slawischen Alphabete, des glagolitischen und cyrillischen, über die Priorită, des einen oder des andern oder über die Parität beider schon im Klaren wären. So aber fehlt uns in der cyrillischen Palão- graphie jeder sichere Maassstab über das Jahr 1056 (bekanntlich das Datum des Ostromir‘schen Evangeliariums) hinaus, obgleich ich meines Theils überzeugt bin, dass einige undatirte cyrillische Handschriften, besonders Fragmente, nicht unbedeutend höher hinauf reichen. Noch schlimmer sicht es mit der Paläographie der glagolitischen Handschriften aus da die ältesten unter denselben sämmtlich ohne Datum sind, eingestreute glagolitische. Buchstaben zwar schon in den ältesten, aber leider undatirten cyrillischen Handschriften vorkommen, der datirte glagolitische Psalter vom J. 1222, Copie eines unter dem Erzbischof Theodor von Salona (Spalatro) verfertigten Originals (zw. 880-890), jetzt verschwunden ist, und die glagolitische Unterschrift in einer griechischen Urkunde vom J. 982 im Klo- ster Iveri auf dem Athos bis jetzt nur der Archimandrit Porphyrij (1846), zwar ein unverdächtiger Zeuge, aber immer nur ein Zeuge, gesehen und leider in getreuer Abbildung noch nicht veröffentlicht hat. Historische Zeugnisse, wie sie zur Zeit vorlie- gen, entscheiden für sich allein die Sache nicht, indem Cyrill's Erfindung einer neuen Schrift für die Slawen zwar historisch unantastbar feststeht, aber auch die Thatsache glaub- würdig gemeldet wird, dass dessen Schüler und Gehilfe Clemens als nachmaliger Bischof in Bulgarien ein anderes deutlicheres Alphabet für die Südslawen zusammengestellt habe, so dass bei dem gänzlichen Schweigen über die Figuren des einen und des andern eine spätere Verwechslung oder Übertragung des Namens von dem einen auf das andere (ursprünglich hiess das Alphabet nur das slawische, azbuka slovensskaja) nicht unmöglich wäre. Kein Wunder also, dass unter den slawischen Gelehrten über das relative Alter und gegenseitige Verhältniss der beiden slawischen Alphabete keine Meinungseinheit herrscht! Auch ich un- terzog mich von neuem der Revision der Streitfrage, aber noch sind meine Untersuchungen zu keinem endlichen Schlusse gediehen, so dass ich die Mittheilung der Resultate meiner wiederholten Forschung der Zukunft anheimstellen muss. Vielleicht veranlasst die Ent deckung und Veröffentlichung dieser wichtigen Fragmente auch andere Forscher, ihren Scharfsinn und Fleiss diesem interessanten Problem zu widmen, um wo möglich bald dessen endgültige Lösung herbeizuführen.
Ich habe oben für jeden Kenner genügend nachgewiesen, dass das an und für sich kirchenslawische Grundgewebe des Textes durchgängig mit Laut- und Sprachformen versetzt ist, welche unzweifelhaft dem Dialekt der Böhmen, Mährer und Slowaken, in Gegensatz zu den übrigen slawischen Dialekten, angehören. Da jedoch die Area dieses Dialekts in alten Zeiten in der einen Richtung zum mindesten vom Riesengebirg bis Pesth, in der andern aber vom Egerlande bis Bartfeld und Ungvar reichte und dieselbe überdies von drei historisch getrennten Volkszweigen eingenommen wird; so wäre eine genauere Bestimmung
1 / Wem fallen hier nicht die analoges gothischen Unterschriften in den lateinischen Urkunden su und Aresso ein!
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der Heimath unserer Reste allerdings erwünscht, wenn sie überhaupt möglich wäre. Hiezu fehlt es aber an hinreichenden Anhaltspunkten. Denn seit Cyrill's und Method's apostolischem Wirken unter den Slawen in Mähren und Pannonien (862-885) blieb die slawische Schrift, und zwar sowohl die cyrillische als die glagolitische, auch nach dem Zerknicken der ersten Aussaat derselben durch Deutsche und Magyaren, noch lange Zeit in diesen Ländern bekannt und in einzelnen Klöstern, zumal in Ungarn, zum Theil unter Druck und Drangsalen, gepflegt. Da dies allgemein bekannt ist, so erinnere ich nur an einige Data für die eine und andere Schrift. Der h. Wenzel († 935) lernte in seiner Jugend (jedenfalls vor dem J. 928) neben der lateinischen auch die slawische Schrift (ungewiss welche) von einem slawischen Priester gründlich. Der römische Papst Johann XIII verbietet, nach Cosmas, bei der Gründung des Prager Bisthums 972 den Böhnen den Gebrauch der bekanntlich mit der slawischen Schrift zusammenhängenden slawischen Liturgie der Bulgaren und Russen (verumtamen non secundum ritus aut sectam Bulgariae gentis vel Russiae aut slavonicae linguae), welche also im Lande nicht unbekannt und nicht ungewünscht war. Dieses Zeugniss verliert dadurch, dass die Bulle unterschoben und der Ausdruck Russiae verfehlt ist, seine Bedeutsamkeit und Beweiskraft in unserem Falle gar nicht, da es die Ansicht Cosmas und seiner Zeitgenossen über eine nahe Vergangenheit ausspricht. Das dem X Jh. angehörige lateinische Martyrologium in Raygern (denn das Datum 809 ist das der been- deten Chronik, nicht der Handschrift, vgl. Mabillon de re dipl. ed. 2 1709. p. 363, nr. 5.) enthält sehr alte cyrillische Zeilen und einzelne am Rande beigeschriebene cyrillische Wörter. Der h. Prokop lernt die slawische Schrift in Wyšehrad, wo nach einer alten Legende eine slawische Schule bestand, von einem angesehenen Lehrer, und baut ein slawisches Kloster in Sazawa um 1032, wo sich der slawische Ritus, mit kurzer Unterbrechung (1055–1061) bis 1097 erhält. Kaiser Karl IV stiftet für glagolitische Benedictiner aus Kroatien im J. 1347 das Kloster Emaus in Prag, und zwar zu Ehren des h. Hieronymus, Cyrillus und Methodius, doch wohl nicht ganz ohne Rücksicht auf historische Präcedenzien und den Wunsch der Böhmen, und verehrt demselben ein cyrillisches, von der Tradition dem h. Prokop zugeschriebenes Evangeliarium, einen Theil des berühmten Evangelienbuches in Rheims. Endlich, denn einige weiter liegende Spuren des Altslowenismus in Böhmen, wie z. B. die cyrillische, kenntlich mit Bohemismen versetzte Legende vom h. Wenzel, will ich jetzt absichtlich mit Stillschweigen übergehen, lässt der Brewnower Abt Divis I. zwischen, 1360–1366 das glagolitische und cyrillische Alphabet sorgfältig auf zwei Pergamentblätter schreiben und in den Podlažicer, jetzt Stockholmer Codex giganteus zur Aufbewahrung cinkleben. Ähnliches treffen wir, zum Theil noch früher, in Ungarn an. Nicht lange nach der Festsetzung der Magyaren finden wir dort einige gräkoslawische Klöster unter dem Schutze der Könige von Ungarn und der Suprematie des Papstes, namentlich in Vesprim, Wysegrad, Csanad, Arad, vielleicht auch bei Neitra auf dem Berge Sobor u. s. w. Im J. 1204 bemerkt Papst Innocentius in einem Schreiben an Kg. Emerich, dass sich in der Ge- gend von Sümeg nur ein lateinisches Kloster befindet, während doch mehrere griechische Klöster dort seien (licet unum sit ibi Latinorum coenobium, quum tamen ibidem sint multaGraecorum.) Endlich im J. 1221 befiehlt Papst Honorius in die Abtei zu Wylegrad in der Vesprimer Diocese statt der von Alters her dort ansässigen griechischen Mönche lateinische einzuführen. Denn den Ausdruck monachi Graeci glaube ich um so mehir berechtigt zu sein auf den Ritus zu beziehen und durch Slavi zu deuten, als es in dem päpstlichen Schreiben an Kg. Emerich heisst: Nec novum est nec absurdum, ut in regno tuo diversarum nationum concentus uni domino sub regali habitu. famulentur, als das Volk dort aus Slawen, nicht Griechen, bestand, als sich Prokop's slawische Mönche 1055 aus Sazawa dahin flüchteten und 1061 von da wieder zurückkamen, und als nach der Versicherung meines geehrten Freundes, des Hrn. Palacký, der Ausdruck Slavi oder slavinica lingua in einer Urkunde im römischen Archiv in Bezug auf diese Klöster wirklich vorkommt. Stehen doch selbst in der Inschrift auf der ungarischen Krone zwei der Form nach echt slawische Wörter геѽвіез und кралнс d. i. гензѽвниць краль! Anderes hieher gehöriges übergebe ich diesmal, so wie ich unerörtert lasse, welche von den angeführten Zeugnissen auf die cyrillische, welche auf die glagolitische Schrift zu deuten seien, da ich eine befriedigende Lösung jetzt noch für unthunlich halte.
Denkmäler brüderlich theilen!