14 / Orthographie
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14.
Die Rechtschreibung ist in beiden Fragmenten sehr schwankend und entspricht einem Zustande der Schreibekunst bei den Slawen, wo man erst bemüht war auf praktischem Wege, bei der schriftlichen Auffassung der Rede, zu orthographischen Regeln vorzudringen. Jede Orthographie ist dem Gerathewohl heimgegeben, so lange sie kein stetiger Schulun terricht regelt und überwacht. Daher, von unserem heutigen Standpuncte aufgefasst, so viele Inconsequenzen und Unrichtigkeiten, besonders bei der Bezeichnung der den Slawen eigenthümlichen Nasenlaute e und 4 und der schwachen Vocale Ⱏ(ъ) und Ⱏ(ь).
Über die Nasenlaute habe ich das Nöthige bereits oben des Zusammenhangs wegen auf einmal beigebracht
In der Anwendung des Ⱏ und Ⱏ stimmen die drei Schreiber nicht überein. Der Schreiber von I. A. kennt nur Ⱏ, kein Ⱏ: er schreibt daher Z. 20. ⰜⰡⰉⰀⰓⰔⰕⰟ cesarits, ⰐⰀⰞⰟ nai, Z. 28. ⰑⰕⰟⰜⰖ otzcu, und so überall, so weit es deutlich zu erkennen ist. Derselbe wendet, wie oben bemerkt worden, statt & und & häufig ein dem Apostroph ähnliches Abbreviaturzeichen rechts über dem Buchstaben an: Z. 1. V’. 6. ...ob'n.... 8. živonos'nich'. – 11. istoč’nikъ. – 12. 22. 27. světil'na. 16. duchom'. – 17. vъsěch' svjętych. – 21. veselim' sję, dadim'. – 23, um'něi. – 23–24. m'nogago. – 25. s'grěši. Die beiden Ⰺ und Ⱄ unterscheidet er nicht genau: Z. 1. ⰉⰂⰡⰕⰊⰄⰐⰡ světilaně (Ⱄ) , aber Z. 22. und 27. ⰉⰂⰡⰕⰔⰎⰐⰀ světil'na (8). Unrichtig ist Z. 8. ⰆⰔⰂⰑⰐⰑⰉⰐⰔⰘ ' živonos'nich' ( Ⱄ statt ⰟⰔ ), und 24. prosvosvěti statt prosvéti oder osvěti. Der Schreiber von 1. B. unterscheidet Ⱏ und Ⱐ genauer und fehlt nur in dem Worterimъska Z. 24. in der Anwendung. Weitere Unrichtigkeiten sind bei ihm: Z. 3 und 4. pientatiko. sti, pjeaztikostie, Z. 14. psali statt poszli, Z. 21. vèrz statt véry, Z. 25. bсě statt bсę und vielleicht auch Z. 10. rozъso, wenn es nicht als eine unbezeichnete Abkürzung zu fassen ist
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Der Schreiber von II. A. und B. kennt wieder nur Ⱏ , kein Ⱐ, und schreibt daher A. Z. 5. udarenimъ, 7. vъnъmi, 11–12. prědastъ, 12. bezakonъny, 16–17. zakonoprěstupъno, 21–22. apostolъskago. B. Z. 3–4. nepomъně, 4. beschvalъnaě, 5. obličats, 6. milosrъdi, 6–7. propověsts, 10–11. križъnъmъ, 13. zapovědъ, 13–14. sъtvorъšago, 17. cěsarъstvie, 18. tvorъca, 19, pravъdъnago, 20. bezakonъnikъ, 22. vъpъjuce und raspъni, 23. nasycъšago, 24. pravъdъ(nomu). Fehlerhaft ist A. Z. 14. obidjęc statt obidjęci, wo auch nach Anwendung von Reagentien keine Spur von einem Ⱄ sichtbar ist. 23. cělenie statt cěleniě, B. 9. bъstъ statt bъistъ oder richtiger bystъ und 22–23. mjęnъnuju statt manъnuju.
Aus dem Facsimile ist ersichtlich, dass der Schreiber von II. B. Zeile 1. zuerst statt ots trapezy das nächstfolgende otarinu hinschrieb, hierauf die Sylben rinu verwischte, über dieselben mit kleinerer Schrift trap setzte und dann weiter in der Zeile mit ezy otzrinu fortführ. Derselbe nahm, wie ich schon oben bemerkt habe, Z. 6. und 7. zweimal statt des einfachen die Ligatur ml, und setzte Z. 8. über das vollends ausgeschriebene glass die Titla Tetwas seitwärts zum Überfluss hin. Eben so trug er Z. 10. und 13. in isels und zapověd die vergessenen en und oberhalb der Zeile nach.
Von Abbreviaturen kommen in den Fragmenten folgende vor: I. A. Z. 3. 15. und 23. gi d. i gospodi, 9 und 13. che d. i. Christe, 13. 20. und 21. be, bъ, bu d. i. boże, bogs, bogu, 16. dchm' d. i. duchom', 17. spsi, dac d. i. spasi (so, nicht spasi, vgl. II. A. 21), duše, ebendas. sve všech sich' d. i. světilna všechs svjętychs, 18. sboru d. i. ssboru und 23. oslepanuvši d. i. oslepanuvaši, denn bo und nb Z. 19. sind mir etwas unsicher. In 1. B. 1. che d. i. Christe, 2. viêésskaě d. i. všečsskač, 4. 20. staé d. i. svjetaé, 5. 8. vši d. i. vši, 5. dcha d. i. ducis, 6.sty d. i. svjęty, 7. apstoly d. i. apostoly, 13. chva d. i. Christova, 16. bistvьnoe (ohne Titla) d. i. bożstvьnoe, 19. ba d. i. boga, 25. bce (so) d. i. bogoro- T T dice und 27. baie d. i. božie. In II. A. 2. 8. und 15. (psa)ms und psa d. i. psalms, 7. L bs d. i. bogs, 10. che d. i. Christe, 14. 18. gi und gid. i. gospodï und gospodi. II. B. 15. ba d. i. boga, 16. spse, mit aufgesetztem a, d. i. spase. Also in allem folgende Wörter: bogs, bogorodica, Christoss, gospods, spasz und spasti, duch und duša, apostols, svjęty, světilaa, psalams, sabor, vaši, valččasky und oslepanuvsi. Es ist offenbar, dass der Schreiber svjęty. und světil'na als stammverwandt behandelt und in vaši, višečssky und oslepanuvši die Linie statt des Apostrophs oder Pajerek verwendet hat.
Die Anfänge der Schreibekunst bei den Slawen und das unmittelbare, noch unsichere Auffassen der mündlichen Rede mittelst der Schrift ohne Einsicht in Grammatik und Etymologie bekunden sich auch in den gekürzten Sprachformen, wie L. B. 6. pride, 7–8. priméns, 19. primsia, II. A. 12. bezakonany, B. 4. beschvalnaé, 10. iselens, 17. prideši, 20. bezakonъaikъ, 22. raspani statt der volleren und regelrechten: priide, priiměmъ, bezъzakonъiny, bezъchvalъnaě, izъselenъ, priideli, bezъzakonьnik, razapini u. s. w.
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Die Bezeichnung der Nasalen in unseren Fragmenten hat viel Eigenthümliches und verdient eine nähere Betrachtung. Wir finden für die der altslawischen Kirchensprache zuständigen Nasenlaute e und q, prajotirt je und je, in beiden Fragmenten nur drei Zeichen, nämlich im Fragment 1. 36 und 96 für je und je, und im Fragment II. 3€ für q und 36 für je, so dass in jenem das e und 4, in diesem das e und je der gehörigen Bezeichnung entbehren. Nur in der stark verwischten Schrift I. A. ist ein € in eigener Gestalt noch zu entdecken, welche Gestalt dort auch das präjotirte 36 hat. Die Anwendung dieser Zeichen ist nur in einigen Fällen richtig und regelrecht, namentlich 1. A. 17. duše naše. 13. se, aber 21. sję zweimal, 28. (s)e oder (si)e, denn der Buchstab vor g ist nicht zu sehen.-15. ...ic. doch das erste e nicht ganz sicher. I.B. 4-3 grjędět(s). 15. chvaljęcim 26. zemję. II. A. 3. 12. und 17. mję.- 3. vprašachą. 14. obidjec (so).- 22. und 23. tję. II. - B. 14-15. propjets. 15-16, tajecago sje. 16. pomjeni mje. Oft ist aber auch die Be- - zeichnung der Nasalen unterlassen, namentlich I. A. . ...anoju. 9. prisaotekucs. 10. - budets. 18. chvalu. 21. slavu. 23. oslepanuvasi. 29. slavoju. I. B. 6. umu- drėję. 13-14. modlitvu. 20-21. prěmudraě. - 23. davoiceju. 25. bogorodice.-IL - - A. 3. obidu. 4. udarisa.- 4-5. lanitu. 6. Izzeszvěstovachu. 16-17.zakonoprestupno. 17. vazložiša. 20. ta statt te, tje (bei den Slowaken noch jetzt t'a). 22. otzluči. - 22. vapajuce. 18. pomilaj. II. B. 1. othrinu. 13. prèstupi. 19. kupiša. 21. sudišči.- mjenznuju; oder unrichtig vollzogen, namentlich II. A. 14. t. - 22-23. IL B. 22-23. mjenznuju. So wie in diesem letztern Worte der Rhinesmus, so ist in dem Worte pjenstikostie 1. B. 3 und 4 das z nach der Nasale je ein Überfluss. In dem Evangeliarium Assemanianum steht richtig man'na.
Ich komme zu den überzeiligen Zeichen unserer Fragmente. Sie sind von zweierlei Art. Im Fragmente I. A. wird statt des darin allein vorkommenden & sehr oft das dem griechischen Apostroph ähnliche Zeichen (nur einmal umgekehrt) als dessen Äquivalent oder Abbre- viatur rechts über dem Buchstaben gesetzt, z. B. istoè'niks, duchom', světil'na, veselim' sje, dadim' u. s. w. Dieses Zeichen oder statt dessen auch einen Punct findet man nicht nur im Glagolita Clozianus einigemal, z. B. up'ers, r'ano, or'n, op'ranz, zakon'nza, nun'use, im Evangeliarium Assemanianum nicht selten: m'ne, e'to, man'na, tak'mo, und in den ältesten glagolitischen Denkmälern kroatischer Familie äusserst häufig, sondern auch in den ältesten cyrillischen Handschriften gar nicht selten, namentlich in der Legende vom h. Kodrat (als Punct), im Izbornik 1073 (ein dem unsrigen ähnlicher Apostroph), im Codex Suprasliensis, in den Fragmenten eines Psalters und einer Legende von der h. Thekla aus dem XI. Jh. u. s. w. Auch die Griechen brauchten ein ähnliches Häkchen über dem Worte als Abbre- viaturzeichen. (Vgl. Pfeiffer über Bücherhandschriften S. 202.) - Im Fragment II. A. 13. begegnet man auffallenderweise zwei Tonzeichen über dem Worte XP (gr. lovda) und zwar über dem zweiten und letzten Buchstaben desselben. Sie ähneln in Hinsicht der Ge- stalt den griechischen Spiritus, wie dieselben in den Uncialhandschriften des VIII-IX Jh. vorkommen und wurden in slawischen Handschriften in dieser Form, meines Wissens, noch nirgends bemerkt. Dasselbe gilt von dem Zeichen über dem 9 in dem Worte Antifon Z. 15. Es ist der griechische Circumflex in seiner uralten Gestalt. Bei ihrer Anwendung an diesen Stellen mag die Absicht obgewaltet haben, den Sängern die richtige Aussprache der fremden Wörter anzudeuten..
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Die hier angeführten Folgewidrigkeiten und Versehen (apoppera) in der Rechtschreibung haben ihren Grund theils in der Unvollkommenheit des glagolitischen Alphabets – welches offenbar nach dem griechischen, wenn auch mit Zuzichung anderer, eingerichtet, gleich anfangs ganz zwecklos ein doppeltes i, d. i. 2 (1) und 8 (4), aber kein echtes, dem slawischen Jota-Laut entsprechendes Jota-Zeichen bekam (denn sein Jod M entspricht dem lateinischen j, wie es im Mittelalter, etwa seit dem V Jh. ausgesprochen wurde, d. i. dj, serbisch . vgl. diacere aus jacere, diaccio aus ghiaccio und dieses aus glacies, mittellat. madius aus majus u. s. w., vgl. meine Památky hlahol. pisemn. 19), daher auch keine ein- fache und folgerichtige Präjotirung kennt, sondern sein A zugleich für ja undè, ja miss- bräuchlich auch für je braucht und für ja, je wieder neue Zeichen und Ligaturen verwen- det 96, 36. theils in der Ungeübtheit der ersten Schreiber, und sind in allen ältesten slawischen Denkmälern, glagolitischer und cyrillischer Familie, in gleicher Weise anzutreffen. Beispielshalber führe ich nur einige an. Wir finden: 1) Eine Vermengung von u und im Izbornik 1073 pus, pornn; im Glagolita Clozianus nospners pokriets, ni statt ni (nobis); im Ostromirschen Evang. rn statt Tu (Jo. 17, 23) u. s. w. 2) Eine Verwechslung des 3 und in den drei glagolitischen Evangelien, nämlich im Evang. Assemani, Zographi und bei Grigorović, ferner im Glagol. Clozianus und im Codex Suprasliensis so häufig, dass sie die Regel ganz aufhebt. In der cyrillischen Legende vom h. Kodrat stand ursprünglich überall %, welches aber durch Wegradirung des obern Häkchens in verwandelt wurde. Selbst Diakon Grigorij schrieb einigemal im Ostrom. Evang. шss, scraps neben was, acma u. s. w. 3) Eine Verwechslung des % und u im Glag. Cloz. slušati (p. 5 v. 180), vladska (p. 7 v. 265), na statt ni (aobis); bivaats im Ev. Assem.; im Izbornik 1073 bavajets, četara, matoimies u. s. w. 4) Verschmelzungen von Lauten nach Präpositionen durch Assimilation und Zusammenziehung im Glag. Cloz. bezakonzije (p. 7 v. 243, p. 9 v. 344), bestudinaĕ (p. 6 v. 217), bestislani, poštense; im Cod. Suprasliensis bestuda, bečinu, bečsstvuje, icěliti, ierskava statt bez studa, bezz činu, bezsesstvuje, izzcèliti, izz crakava. 5) Zusammenzie- hungen von un inn in den karantanischen Aufsätzen prideš, pride, pridéte, priti, primi, primète, boži, božich, bali, v poglagolani, im Glag. Cloz, pride, prida, prims, ubica, Mari und eben so in andern glag. Hss, bulg. Familie, manchmal auch in den ältesten cyrillischen, z. B. in dem Fragment eines Sticherars aus dem XI. Jh. priti, in Ostrom. Ev. pridą, priti, einmal sogar primz und kosti statt priims und kostii. Im Ganzen sind diese und ähnliche Anomalien in den berühmtern cyrillischen Handschriften, z. B. im Ostromir'schen Evange lium, im Izbornik 1073 u. s. w., dem Fortschritt der Schreibekunst gemliss, viel spürlicher, als in den glagolitischen bulgarischer und kroatischer Familie. Übrigens wird man bemerkt haben, dass sich unsere Fragmente in der Orthographie häufig dem Glagolita Clozianus nähern. Man vergleiche noch, ausser dem angeführten, unser psi, spasz, zemję, prestavenie mit psant, spasente, zemi, preloms u. s. w. beim Glagolita Clozianus, welche Formen Kopitar ohne Bedenken für Moravismen und Slovakismen erklärte. Auch die karantanischen Aufsätze bieten spasal, spasi, ohne ъ dar.
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In Bezug auf die bisher besprochenen und noch weiter zu erwähnenden orthographi schen und grammatischen Anomalien und Fehler unserer Fragmente will ich schliesslich noch im Allgemeinen, zur Vorbeugung von schiefen Urtheilen bei weniger Eingeweihten, bemerken, dass wir ähnlichen Erscheinungen auf dem Gebiete der kirchlichen Literatur in der ersten Hälfte des Mittelalters (VI-XI Jh.) allenthalben, bei Slawen und Nichtslawen, be- gegnen und desshalb nicht berechtigt sind, über unsere einheimischen Denkmäler ein strengeres Urtheil, als über die fremden, ergehen zu lassen. Wenn die Schreiber unserer glagolitischen Reste, gleich dem Schreiber der wahrscheinlich fast gleichzeitigen karantanischen oder Freisinger Aufsätze, in der Orthographie und Grammatik zur Zeit der Morgendämmerung bei den Slawen öfter kläglich wanken und straucheln, wenn dem Schreiber des Codex Suprasliensis svobota, rats, knichèii, zvęgomz, zhzzami, prozlaziti, chuchoty statt svoboda, radh, knigačii, zvekom, sizzami, proslaziti, suchoty und andere ähnliche Abnormitäten häufig entschlüpfen, oder wenn der Diakon Johann die Schlussformel zu seinem Iz bornik 1073 zweimal und jedesmal anders und beidemal fehlerhaft hinschreibt: so können wir ähnliche glänzende Beispiele von Lapsus aus Unkenntniss oder Ungeübtheit bei den vielgewandten Griechen zur Zeit ihrer Abenddammerung in Menge nachweisen: oder wenn unsere ersten Übersetzer der biblischen und kirchlichen Bücher sich manchmal arge Missgriffe zu Schulden kommen lassen, so brauchen wir jetzt nicht mehr lange bei andern Völkern herumzugehen, um ihre ersten Übersetzer auf ähnlichen Fehlern zu ertappen, da dafür neuere Isagogiker, Hermeneutiker und Exegeten bereits sattsam gesorgt haben.
Es scheint, dass die mährischen, pannonischen und bulgarischen Slawen die Regeln der Orthographie in Bezug auf ъ und ь , ѧ , und , bei sich nie ganz ins Klare gebracht haben (waren doch sogar die Polen noch im XIV-XV Jh. nicht im Stande, die zwei Nasalen ą und durch die Schrift gehörig zu unterscheiden!): erst die Russen mögen bei fortgeschrit tener Schreibekunst ъ und ь streng gesondert haben, dafür aber haben diese wieder die Zeichen ѧ und я kläglich zusammengemengt, anderer Übel nicht zu gedenken.