18 / Muthmassliches
Alter

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18.

Ich habe bereits oben nachdrücklich bemerkt, dass uns zu einer bestimmten und präcisen Fixirung des Alters der Fragmente die nöthigen Behelfe, vor allem aber datirte glagolitische Codices, fehlen. Denn es ist in der Paläographie wie in der Mathematik, dass man unbekannte Grössen nur durch bekannte bestimmen kann. Wenn ich es demnach dennoch wage, im Interesse der Wissenschaft und dem Triebe eines jeden selbständigen Forschers folgend, das Alter der beiden Fragmente etwas genauer zu bestimmen und die- selben in eine relativ hohe Zeit zu versetzen, so bin ich schuldig, die Gründe, welche mich dazu ermuthigen, offen und vollständig darzulegen. Meine Gründe sind folgende.

Zuvörderst spricht schon der ganze äussere Habitus der Membranen, der Tinten und der Schrift, so wie nicht minder der Umstand, dass dieselben zu der Zeit, als sie angeklebt wurden, bereits stark abgenutzt und beschädigt waren, für eine ungewöhnlich hohe, dem XII– XIII Jh. bedeutend vorausgehende Zeit.

Zweitens zeigt sich die Schrift als eine reine Uncialschrift in solchen Formen, dass aus ihr naturgemliss, durch kalligraphischen Fortschritt, einerseits unter dem Einfluss der grie- chischen Schreibekunst die bulgarische runde Glagolica, andererseits unter der Einwirkung der römischen Graphik die kroatische gerade steife Fractur hervorgehen, aber nicht umge kehrt jene aus einer von diesen beiden sich entwickeln konnte.

Drittens. Die Buchstaben in den Überschriften und im Texte oder, wenn man so sagen darf, die Majuskeln und Minuskeln, unterscheiden sich lediglich durch ihre verschiedene Grösse, keineswegs aber durch ihre Figur, zum Beweise, dass sie der Trennung der Versalien und der gemeinen oder der Cursiva vorausgehen, welche schon in den drei ältesten Evangelien und im Glagolita Clozianus allzusichtbar ist (die zwei verzierten Initialen I. B. vor Z. 14-17 und II. B. vor Z. 18-19 natürlich nicht hieher gezählt, die übrigens in griechischen Handschriften des IX-X Jh. genug ihres Gleichen finden); man vergleiche in dieser Hinsicht z. B. im Glag. Cloz. die Buchstaben Ⱆ, Ⱏ und in der grossen und kleinen Schrift, wo die Verwandtschaft der Figuren nur noch in der ersten sichtbar ist, zu geschweigen, dass auch einige Majuskeln in derselben schon einen jüngern Typus als in unsern Fragmenten haben, namentlich Ⰼ, Ⰽ und . (Siehe Tafel II.) Auch Gregor von Nazianz in S. Petersburg, eine der ältesten bekannten cyrillischen Handschriften, hat schon ein abgerundetes, kein dem Ⱁ gleichgeformtes und nur diakritisch unterschiedenes Jer mehr!

Viertens. Die Art, wie die Linien in II. A. gezogen sind, d. i. weder ganz gerade, noch je zwei und zwei in gleicher Entfernung, aber so weit sichtbar durch die ganze Breite des Pergaments über die beiden Verticalen hinaus, von denen leider die linke jetzt nach Wegschnitt des Raudes fehlt, selbstverständlich ohne die zwei eng gezogenen Parallel-Linien oben und unten, ist ganz und gar der Gewohnheit des IX Jh. gemäss.

Fünftens. Der Gebrauch der Tinte aus rein organischen Stoffen, namentlich der Sepiatinte im Fragment 1., erinnert an die Periode des IX-X Jh., wo diese Tinte im Orient, be sonders in Byzanz, sehr häufig angewendet wurde.

Sechstens. Der embryonische Zustand der Orthographie und Grammatik, wie er in einem solchen Grade kaum in irgend einem andern slawischen Denkmal anzutreffen sein dürfte, verräth ebenfalls ein Zeitalter, wo man kaum angefangen hatte die Sprache aus dem Munde des Volkes schriftlich aufzunehmen, also ein gleich altes oder noch älteres als das der karantanischen Aufsätze, des Evangeliums des h. Johannes, der Legende vom h. Kodrat") und ein paar anderer ältesten Denkmäler unserer Sprache und Schrift.

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1 / In der Schätzung des Alters dieses Fragments, so wie einiger andern, weiche ich von dem geehrten Hrn. Vostokor etwas ab. Derselbe sagt nämlich, der Ductus sei desshalb so alterthümlich, weil die Abschrift von der Hand eines Griechen ist. (Ue. Zapis. II. 2. S. 66.) Aber ich frage: wenn die Abschrift von einem Gric chenist, woher der Rassismus col. 1. lin. 10-11 дъскѣ statt дъстѣ ? Steht doch col. 2 lin. 5 echt bulgarisch кръстиянстѣ! Offenbar hat also hier ein Russe einen bulgarischen Codes copirt, und dabei, wie gewöhnlich,

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Siebentens. Die Abwesenheit sämmtlicher, später, namentlich im XI Jh. schon sehr üblicher diakritischer Zeichen über den Zeilen, mit Ausnahme der ihrer Form nach sehr alterthüm lichen und sonst in slawischen Handschriften nicht vorkommenden drei Zeichen über den Wörtern ljuda und Antifons (II. A. 13. 15), so wie des von Anfang her üblichen Pajerek, zeugt nicht minder für eine sehr hoch hinaufgehende Zeit. Was die erstern anbelangt, no verdient Beachtung, dass schon die Griechen, ausser den eigentlichen, bei ihnen bekanntlich sehr alten Gesangnoten, auch andere Zeichen zur Andeutung der Modulation der Stimme bei feierlichem Vorlesen, z. B. des Evangeliums u. s. w., besonders im VIII-X Jh., häufig verwendeten (Montfaucon Pal. Gr. 231. 233. 368.)

Achtens. Die eigenthümliche Interpunction, wie sie in diesem elementarischen Zustande und in einer ganz adäquaten Form in andern slawischen Handschriften nicht zu finden ist, spricht selbst für ihr hohes, alle unsere bekannte Denkmäler überragendes Alter.

Endlich fällt hier auch der Umstand gewichtig in die Waagschale, das der Text unserer Fragmente, namentlich des ersten oder der Exapostelarien, dem älteren Zustande der Kirchenbücher, nicht dem spätern, wie er seit dem Anfang des X Jh. oder seit Leo dem Weisen († 911) und Constantin Porphyrogenet († 959) geworden ist, entspricht; denn es ist unwahrscheinlich, dass man einen antiquirten Text später neu übersetzt oder auch nur durch Abschriften für den Kirchengebrauch vervielfältigt hätte.

Wenn ich nun das Gewicht dieser sämmtlichen Gründe überlege und dabei erwäge, dass einerseits an eine Uibersetzung der griechischen Kirchenbücher für die Slawen in Mähren und Pannonien vor Cyrill und Method nicht zu denken ist, andererseits aber der wirkliche augenfällige Sachverhalt es nicht zulässt, diese Fragmente in eine und dieselbe Zeit mit den bekannten datirten und undatirten cyrillischen und glagolitischen Denkmälern des XI Jh. zu stellen, so trage ich kein Bedenken, ihren Ursprung innerhalb der ersten hundert Jahre nach Cyrill's und Method's Auftreten in Mähren, oder zwischen die Jahre. 862-950, zu setzen. Die in dem kurzen Texte vorkommenden specifischen Kennzeichen der ältesten glagolitischen oder aus diesen copirten cyrillischen Handschriften, z. B. die Wörter križanams und otspélo, die Aoristform obidu, die Orthographie von spass und psi statt szpasz und pasi, stellen somit unsere Fragmente an die Spitze der ältesten glago. litischen Sprachdenkmäler, nämlich des Glagolita Clozianus und der drei Evangelien, welche nach Vostokov's gegründetem Urtheile (Evang. Ostrom. Predisl. IV) auch in Hinsicht auf Sprache und Stil eine eigene Classe bilden, und mit dem von besseren cyrillischen Handschriften, die sich in der Regel durch eine grössere Formvollendung auszeichnen, genommenen Maassstabe billigerweise nicht gemessen werden dürfen.

Uibrigens halte ich dafür, dass beide Fragmente, trotz der Verschiedenheit der in denselben vorkommenden Schrift, sowohl der getilgten ältern, als der darüber gesetzten

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1 / Einiges russisirt. Ich habe vor mir Fragmente eines Sticherars aus einem Kloster auf dem Berge Athos (vielleicht aus Russiko, var Puseur), die zuversichtlich dem XI. Jh. angehören und schon Russismen enthalten.

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neuern, in Grunde einer und derselben Zeit angehören und höchstens um einige wenige Jahre auseinander liegen. Die Rechtschreibung des Palimpsests von f, das Pergament und die Tinte, könnten zu der Vermuthung berechtigen, dass, to nicht beide, so doch die eine Membran Uibungen im Schreiben enthalte, die ein Lehrer mit seinen Schülern, sei es an einer Kirche, oder in einem Kloster, oder in einer Schule vornahm, und zu diesem Behufe schon früher beschriebenes Pergament, vielleicht aus einer unbrauchbar gewordenen Handschrift, wie aus der Signatur Ⰷ ersichtlich, verwendete. Es ist sehr wahrscheinlich, dass dahei zugleich eine theilweise Anpassung des Dialects an die gangbare Landessprache statt fand. Doch dieses für mich verschlossene Gebiet der Divination überlasse ich nun getrost andern hiezu befähigtern, gewandtern Geistern!

NACHTRAG

Zur Seite 44 Zeile 22. Ich trage hier den aus Versehen nicht angeführten griechischen Text der zweiten Antiphona aus derselben vollständigern Ausgabe des Triodion (Venedig 1850. S. 374) nach:

Ἐν τῷ δείπνῳ σου, Χριστὲ ὁ Θεός, τοῖς μαθηταίς σου προέλεγες· Εἰς ἐξ ὑμῶν παραδώσει με ὁ δὲ παράνομος Ἰούδας οὐκ ἠβουλήθη συνιέναι,

Die erste Antiphona ist daselbst als roomdoor S. 381 zu lesen.