04 / Äussere
Beschaffenheit

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4.

Bevor ich zur nähern Angabe und Würdigung des Inhalts der Fragmente schreite, will ich ihren äussern Habitus, so gut ich es vermag, beschreiben.

Schon bei der ersten Betrachtung der Pergamente gewahrte ich: 1) dass dieselben un- mittelbar auf dem buchenen Holzdeckel so fest angeleimt und überdies auf der Oberfläche so mit Leim überdeckt waren, dass sie gewissermassen ganz im Leim sassen; 2) dass die- selben mehrfach beschädigt, durchlöchert, zerrissen und abgewetzt waren, und dass ein Theil dieser Beschädigungen in die Zeit vor dem Ankleben fillt; 3) dass die Einsetzung der Blätter mit dem jetzigen Einbande gleichzeitig ist. Das erste lehrte der Augenschein selbst, das zweite und dritte ging aus überzeugenden Gründen hervor. Denn beim Ankleben wurde der dicke dunkle Leim von den alten Löchern natürlich nicht bedeckt, sondern quoll über den Rand derselben hervor und bedeckte den letztern: auch kam dabei das Pergament an solchen Stellen, wo die Löcher und Risse am Rande waren, durch Einbiegen, Einschlagen und Ausspreizen aus seiner normalen Lage. Die neueren Löcher rühren dage- gen von Bücherwürmern her, welche nicht nur den Holzdeckel mehr oder weniger tief an- gefressen, sondern auch die anliegenden Pergamentblätter der Handschrift ganz congruent durchbohrt haben. Diese Löcher waren vom Leime ganz frei und nach beiden Seiten hin, sowohl im Deckel als im Codex, bedeutend tief. Nur in 1. B, sind zwei grössere und zwei kleinere Löcher durch Reibung entstanden. Aus dem Umstande, dass an der anliegenden Seite des letzten Blattes der Handschrift die Buchstaben hie und da von Leim bedeckt er-. scheinen, darf man nicht schliessen, dass die Fragmente erst später eingeklebt wurden. Dieser Leimansatz rührt offenbar eben so, wie jener an der Vorderseite des ersten Blattes, von der eingedrungenen Feuchtigkeit her, wodurch sich der erweichte Leim von der Ober- fläche des Deckels allmälig loslöste und an der Gegenseite haften blieb. Dass die Frag- mente gleich ursprünglich beim Einbinden des Codex mit Vorsatz und Bedacht hier einge- legt wurden, geht für den Unbefangenen aus der Einrichtung des kostbaren Codex und Betrachtung des sorgfältigen Einbandes unzweifelhaft hervor. Denn der Anordner des Ein- bandes, welcher den Vorderdeckel zuerst mit reinem Pergament, hierauf mit einem jetzt verlornen blauen Seidenstoff bekleiden liess, um das anliegende erste Blatt mit den Minia- turen vor Reibung zu schützen, hätte wohl ein Blatt reines Pergament auch auf den Hin- terdeckel nicht gespart, wenn es ihm nicht um sichere Aufbewahrung und Erhaltung der schon damals alten und beschädigten, aber für wichtig erachteten Fragmente zu thun ge wesen wäre. Literarhistoriker, welche zugleich Kenner von Handschriften und Paläographen sind, wissen zur Genüge, dass es im Mittelalter Sitte war, ähnliche ehrwürdige Überreste des Alterthums, wenn auch oft nur als Curiosa, auf diese Weise vor Verlust und Untergang zu sichern, und dass wir dieser weisen Vorsorge die Erhaltung wancher schätzbaren Denk- mäler zu verdanken haben. Ich will, um nicht weitläufig zu sein, nur das, was unsere jetzige Aufgabe näher berührt, hier kurz anführen. Auf ähnliche Weise auf dem Deckel ange- klebt haben sich erhalten: 1) Das bekannte Abecenarium bulgaricum oder das glagolitische Alphabet in einer Handschrift der kais. Bibliothek in Paris (No. 1210), von den Benedicti nern des h. Maurus zwischen 850-950, von Kopitar ins XI-XII Jh. gesetzt. 2) Ein glagolitisches Blatt (wenn ich nicht irre ein Bruchstück aus einer Paulinischen Epistel) in einem serbischen Nomocanon vom J. 1263, bei Hrn. A. von Mihanovič. 3) Das glagolitische und cyrillische Alphabet, auf Befehl des Břevnover Abtes Divis 1 zwischen den J. 1360-1366 (wie ich dafür halte, nach Dobrovsky Divis 1 1385-1409) geschrieben und auf dem Vor- derdeckel des berühmten, aus Böhmen stammenden Codex giganteus (XIII Jh.) in Stock holm angeklebt. Eine Shaliche sinnige Sorgfalt hat, wie diese drei schätzbaren Denkmäler, so auch unsere Fragmente, etwa gegen Ende des XII oder Anfang des XIII Jh. in eine sichere Freistatt gebracht und den späten Nachkommen erhalten.