02 / Der
Praxapostolus
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Die Handschrift, in welcher sich unsere ehrwürdigen Reste erhalten haben, ist ein lateinischer Prazapostolus, d. i. jener Theil des N. Testaments, welcher die Apocalypse, die kanonischen Briefe, die Apostelgeschichte und die Briefe Pauli enthält. Sie zählt zusam- men 198 Bll. in Folioformat, ist auf weissem dünnen leicht rollenden Pergament sehr schön, mit wenigen Abbreviaturen geschrieben und gehört nach verlässlichen paläographischen Kennzeichen ins XI. Jh. und zwar wahrscheinlich in die erste Hälfte desselben. Nach der sorgfältigen Ausstattung in Bezug auf Pergament, Schrift und kunstvolle Ausführung der reichlich vergoldeten Initialen kann sie mit Recht, wenn auch nicht gerade zu den Pracht- handschriften, so doch zu den sehr schönen und werthvollen Handschriften gezählt werden. Die Höhe des Pergaments beträgt bei derselben 11 Zoll 7 Linien, die Breite 8 Zoll 9 Linien; die Höhe der Schriftcolumne aber nur 8 Zoll und 1 bis 2 Linien, die Breite 5 Zoll G Linien Pariser Maasses.
Das erste Blatt derselben ist auf der Rückseite mit einem sinnreichen, jetzt leider, trotz des dabei nach beiden Seiten hin angebrachten Schutzes von eingelegtem Seidenstoff, stark beschädigten, Miniaturgemälde versehen, dessen richtige Deutung für die Geschichte der Handschrift sehr wichtig, aber zugleich auch sehr schwierig ist. Dasselbe ist durch vier ho- rizontal laufende Linien queer in der Mitte in zwei gleiche Felder getheilt. In dem obern Felde wird die Vision des h. Johannes dargestellt, von welcher im ersten Capitel der Apokalypse die Rede, nämlich Christus mit dem Schwerte im Munde und dem Sternenkranz in der Linken (nach der Apokalypse in der Rechten); rechts vor ihm der h. Johannes, ganz in Anbetung seines Herrn und Meisters versunken. In dem untern Felde steht ein böhmischer Herzog in fürstlichem Gewande, mit der Lanze in der Rechten; hinter ihm ein Waffenträger mit entblösstem Schwerte. Vor dem Herzog steht ein Abt mit dem Krummstab,
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anscheinend ein Benedictinerabt, der so eben ein Buch (wahrscheinlich eine Anspie lung auf unsern Praxapostel) vom Herzoge zum Geschenk empfangen hat und im Begriffesteht es dem hinter ihm stehenden Ordensbruder zu übergeben. In den Ecken der Fel der befinden sich in kleinen runden Feldern Porträte von Geistlichen, sechs an der Zahl, nämlich die mittleren zu beiden Feldern gehörend. Die jetzt stark beschädigten Inschriften zwischen den Linien auf der Gränzscheide der beiden Felder scheinen vollständig gelautet zu haben: 1) (Si nequis solem. debes (aspic)ere (Chris)tum, und 2) (Si.....) paru(m) dabi(t) Munus votum su perabit jene mit Beziehung auf das obere, diese mit Beziehung auf das untere Bild. Auf dem Buche selbst ist das Wort dominus ganz deutlich zu lesen Die Deutung der letztern Inschrift und des Bildes überlasse ich Männern vom Fache. Das Miniaturgemälde, welches von Kennern für einheimisch d. i. böhmisch gehalten und ins XI Jh. gesetzt wird, wurde durch einen zwischen das erste und zweite Pergamentblatt eingesetzten rothen, so wie durch einen auf dem zuerst mit reinem Pergament bekleideten Holzdeckel aufgeklebten blanen Seidenstoff vor Verletzung geschützt: indessen hat sich nur der erste noch erhalten.
Über den Inhalt des Codex ist zu bemerken, dass den einzelnen Büchern kurze Prologe, einigen auch die Vorreden des h. Hieronymus, dann den meisten die Summarien der Capitel vorgesetzt sind. Der Text enthält die Vulgata mit den Verbesserungen des h. Hieronymus und des Alcuinus. Die Eintheilung in Capitel weicht aber von der jetzt herrschen- den, welche bekanntlich Hugo zu Anfange des XIII Jh. einführte, so wie von allen andern mir bekannten gänzlich ab. Es enthält nämlich die Apokalypse 48, der Brief des Jacobus 20, die Apostelgeschichte 64 Capitel u. s. w., alle zusammen aber 400 Capitel, den Brief an die Laodiceer, der hier nach jenem an die Colosser eingeschaltet ist, mitgezählt. Die bekannte Eintheilung des Euthalius (um 460) zählte in allem nur 219 Capitel. Da es möglich ist, dass der Codex, mit Ausnahme des Miniaturgemäldes, ursprünglich aus dem Auslande stammt (wirklich stimmt die Schrift auffallend mit einigen ältern Sanct-Galler Handschriften überein, z. B. mit Tab. V Tomi II bei Perts), so ist es um so bemerkenswerther, dass ein romanisches N. Testament aus dem Ende des XIII oder Anfange des XIV Jh. in Lyon in der Anordnung der Bücher mit unserem Codex fast ganz übereinstimmt, nämlich bis auf den Umstand, dass in demselben die Apostelgeschichte der Apokalypse vorangeht.
Mit dem 191 Blatte geht der Text des Praxapostolus zu Ende. Das Pergament der letzten sieben Blätter unterscheidet sich etwas von jenem des Apostels. Auf den ersten sechs Blät tern stehen die Legenden von den h. cilf Tausend Jungfrauen (der Codex hat irrthümlich IX millium virginum) und der h. Cordula, nach meiner Schätzung von einer Hand aus dem Ende des XII Jh. In diese Zeit mag auch der jetzige Einband der Handschrift und somit die Befestigung der schon damals, wie wir gleich sehen werden, alten und stark beschädigten Fragmente am Hinterdeckel fallen, wenn man nicht lieber annehmen will, dass diese Legenden, was nicht unmöglich ist, in den schon gebundenen Codex eingetragen wurden. Das letzte Blatt nimmt eine etwas fragmentarisch gehaltene und unbeendigte Legende von fünf Einsiedlern in Polen ein, welche ich bestimmt für noch etwas später in den Codex eingetragen halte, so wie es von der ebenfalls unvollständigen Rede am Feste des Apostels Matthias auf der Vorderseite des ersten Blattes (mit dem Miniaturgemälde) gewiss ist, welche etwa dem XIV Jh. angehören dürfte.