16 / Grammatische
Formen

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Von grammatischen Formen, welche eine besondere Aufmerksamkeit verdienen, bieten sich, ausser den zum Theil bereits oben als dialektische Kennzeichen angeführten, nur wenige dar. Hicher gehören II. A. 5. udarenims statt des üblichen udarenijemь, womit povelénim des Glag. Clozianus (p. 8. v. 296) und kameniims, povelěniimь, pokynoveniims des Cod. Suprasliensis übereinstimmt, so dass -ims eine Verschmelzung des ii wäre, wie priti, primz u. s. w.; II. B. 5. obličats, gekürzt aus obličaats (statt obličajets), welche Form ich für die ursprüngliche halte, Hr. Miklosich aber für eine durch Assimilation entstandene spätere erklärt (Lautlehre 33, Formenl. 85. 95. doch Vitae p. 30 hielt er sie ebenfalls für die ältere) und die übrigens auch in sehr alten cyrillischen Handschriften vorkommt, z. B. im Cod. Suprasliensis byvaats, izbavljats, nasyitaats, pominaats, povelevaatz(so), približaats se u. s. w., in einem Fragment des Cyrillus Alexandrinus aus dem XI Jh. vastaaši statt vistaeši, im bulgarischen Apostol des XII Jh. byvaa, in den ältesten Textpartien des Moskauer Bibeleodex 1499 iziskaats, nezabyvaate u. s. w.: die Nominative kazni statt kazna. II. A. 20. (wo man zugleich eine Unterlassung der Verdopplung des 8, nach der Gewohnheit alter Schreiber, annehmen könnte, da oben Z. 13. Ijuda steht, vgl. auch Glag. Cloz. p. 10. v. 384 Ijuda statt i ljuda u. s. w.) und milosti statt milosts II. B. 7., ein Archaismus, der sich in den altböhmischen choti, lani, hosti im Passionale und in einigen andern Wörtern in den

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Altesten slawischen Handschriften erhalten hat, da überhaupt, je höher hinauf in der Zeit, je häufiger einn an die Stelle des & tritt, z. B. carn statt cars im Glag. Cloz. (p. 8. v. 281), прика", приних in kroatisch-glagolitischen Наз., криста, предирать масс кръста, продырять т Izbornik 1073, THAXHOI statt TLAEO im Sticherar aus dem XI Jh., nenpunzuu (Nomina- tiv), ecum, HECTH, OTAACTH U. s. w. im bulgarischen Apostel aus dem XII Jh. (vgl. auch Mi- klosich Lautl. 20, Formenl. 44); II. A. 3. obidu, der einzige in unsern Fragmenten vorkom mende gekürzte Aorist, statt obidošę; II. A. 6. Iżeszvěstovachu, sonst Izieszvěstvovacha, vgl. savèstels (testis). Die Form milosradi II. B. 6. ist mir dunkel und ich vermag sie nicht zu belegen: vielleicht ist es ein Schreibfehler.

Von solchen Wörtern und Ausdrücken, welche den glagolitischen Handschriften speci- fisch eigen sind, so dass sie als Kriterien bei der Bestimmung von cyrillischen Copien gla golitischer Handschriften dienen, sind folgende zwei zu merken: otzpèlo II. A. 9. u. 15-16. d. i. das Additamentum der Antiphona, bis jetzt von mir nur in dem aus dem Glagoliti- schen copirten bulgarischen Apostel aus dem XII Jh. entdeckt, wo es im Synaxar fünfmal vorkommt, und II. B. 10-11 križanams, wofür in cyrillischen Handschriften immer krists- nams steht. Das seltene qscapur I. A. 20 ist in Ezyscapuru ca gelliufig. Doch hat auch Cod. Supraslicnsis capovicт

Da es wichtig ist, diejenigen cyrillischen Handschriften, welche aus dem Glagolitischen abgeschrieben sind, leicht und bestimmt zu erkennen, so sei hier bemerkt, dass ausser vie- len andern Eigenthümlichkeiten, welche dem Glagolitismus ein vom Cyrillismus sehr abste- chendes Gepräge geben, hiezu meist schon einzelne Wörter und Wortformen hinreichen. Solche sind: 1) der häufige Gebrauch von gekürzten oder archaistischen Aoristen; 2) Wör- ter und Wortformen, wie križ, otspělo, sets, venims, taĉaje, bratrs, bratrija, vačną, zemssks, nebesiska, dina (statt onsica), misa (statt bljudo), žals (statt grob), vasleplja u. s. w., dann die Imperfecta (2 pers. dual. et pl.) auf -šete and seta oder -chote und -chota: imjašete, jadjaašete, pijašete (Psalt. Eugenio-Pogod. sec. XI), déjasete (Glag. Cloz.), choidaašete (Evang. Assem.), besedovašeta (Cod. Hankean.), glagolaachota (Miss. Novak.), das Pract. sums oder ENUL statt Guys u. s. w. Es versteht sich, nicht jedes Wort oder jede Form für sich allein, sondern mehrere in ihrem Ensemble.

In Bezug auf die Form obidu sei noch nachträglich bemerkt, dass sich ähnliche ge- kürzte Aoristformen auch in den ältesten böhmischen Sprachdenkmälern biblischen und kirchlichen Inhalts (selten oder gar nie in andern) finden, worüber meine Počátky staročes. mluvnice im Výbor z liter. čes. (Bd. I. S. 108-109) nachzusehen sind.