11 / Die Facsimilien

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Zur Verdeutlichung der Beschreibung und Erklärung der Fragmente war ich be- müht, treue und richtige Facsimilien von der lesbaren Schrift zu verfertigen. Ich will dar- über Folgendes anmerken.

Es ist etwas Anderes, eine beliebig gewählte Seite aus einer gut erhaltenen Handschrift gut nachzubilden und ein Facsimile von einer halbzerstörten, auf halbzerstörtem Pergament befindlichen Schrift zu machen. Wenn dort die Kritik mit Recht die Forderungen höher spannt, so darf sie hier, ohne ungerecht zu sein, Unmögliches nicht verlangen. In unse rem Falle wurde Alles aufgeboten, um mit vereinten Kräften zu erreichen, was trotz der Sprödigkeit des Gegenstandes dem lebendigen Eifer, besonnenen Fleisse und der zähesten Ausdauer zu erreichen möglich war.

Die beiden Facsimilien I. B. und II. A. wurden von den Fragmenten genommen, so lange sie noch auf dem Deckel angeklebt waren. Das dritte, nämlich II. B., trat erst nach der Ablösung der Blätter hinzu. Auf allen dreien bedeuten die weissen leeren Stellen im Innern und am Rande die alten, schon vor dem Ankleben der Blätter vorhandenen, die punctirten die von Bücherwürmern herrührenden spätern, die schrallirten (1. B.) die durch Reibung entstandenen Löcher und Beschädigungen. Letztere rühren von einem unter dem Blatt beim Einbinden zurückgebliebenen kleinen. Pergamentstreif her, wodurch das Blatt an diesen Stellen etwas gehoben wurde. Die Überreste und Spuren der alten, vertilgten Schrift in L. B. sind durch eine dunklere Farbe ausgezeichnet. Die neue Schrift ist, wie man sieht, sehr kräftig, ja derb, dabei aber regelmässig und mit sichtbarer Sorgfalt und Sicherheit wie hingemalt. Auf dem Facsimile II. A. erscheinen die Buelistaben in dem be deutend zerstörten Zustande, wie sie sich auf dem ebenfalls stark beschädigten und be- schmutzten Pergament erhalten haben; indess lässt die Schrift auch so, wie sie ist, auf die primitive volle Gestalt der Buchstaben, die im Ganzen etwas glatter, geschmeidiger und gleichförmiger sein mussten, mit Sicherheit zurückschliessen. Nur die schwach punktirten und nicht ausgefüllten rothen Buchstaben sind als blosse Andeutungen aufzufassen und auf ihre Figur gar kein Gewicht zu legen. Im Allgemeinen ist die Schrift weniger derb als in I. B., gleichsam im Fluge mit dem Rohre hingeworfen, ungleich, oft oben an die Linie strei- fend und die Buchstaben meist etwas nach links geneigt. Vor der Zeile 21 sind noch schwache Überreste der rothen verzierten Initiale > sichtbar. Es ist der rechts geschwun- gene, die Basis bildende grosse Schenkel, mit dem Additamentum, anscheinend in Kreuzes- form, links. Das Facsimile. II. B. erhält zum Theil durch das, was oben über die Restau- ritung dieser Seite gesagt wurde, seine Beleuchtung. Da es mir dabei nicht sowohl um ein vollkommenes Facsimile, welches bei der Beschaffenheit der verwaschenen Schrift ohnehin nicht möglich war, als vielmehr um eine Fixirung der Züge behufs der sicherera Entzifferung des. Sinnes, zu thun war, so nahm ich Anfangs, gleich nach der Restaurirung der Schrift, bloss eine leichte Durchzeichnung in Contouren (lettres blanches) mit Bleistift davon, und schritt erst dann zu ihrer Ausfüllung, als die Schrift auf dem Pergament nach und nach wieder auszubleichen anfing. Ich kann daher wohl für die Richtigkeit und Übereinstimmung der Buchstaben im Ganzen, für die absolute Treue aller auch der kleinsten Züge aber nur da bürgen, wo auf den unbeschädigten Stellen der Membran, gleichsam auf kleinen Inseln, die Schrift ganz rein und scharf hervorgetreten war und auch hernach gar nicht oder aur wenig verblich. Im Ganzen mag die ursprüngliche Schrift etwas weniger glatt und gleich, als die nachgebildete ist, gewesen sein, so dass man sich dieselbe mit Grund als in dieser Hinsicht zwischen den beiden Facsimilien (II. A. und B.) mitten inne liegend vorstellen kann. Die verzierte Initiale W vor den Z. 18-19 haste ursprünglich einige rothe Beistriche, welche sich nach dem Reagens ganz dunkel gefärbt haben und unkenntlich geworden sind. Das Auge darunter halte ich für den ersten verfehlten, nämlich zu tief gegriffenen Ansatz zu der Initiale.

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Dass bei I. A. an kein Facsimile zu denken war, leuchtet nach dem Gesagten von selbst ein. Indess suchte ich davon für die Paliographie so viel zu gewinnen, als nur irgend möglich war. Die Schrift verräth im Allgemeinen eine leichte ausgebildete Hand: sie ist viel kleiner, als jene von 1. B., und unterscheidet sich von derselben merklich in der Ge- staltung einiger Buchstaben, so dass sie nicht von einem und demselben Schreiber mit jener sein kann, obgleich der Text von Seite A. auf Seite B. ohne Unterbrechung fortläuft. Über ihre Eigenthümlichkeiten werde ich unten Einiges beibringen