05 / Pergament
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5.
Ich will nun das Pergament und die Tinte etwas näher beschreiben, und zwar zuerst mit ausschliesslicher Bücksicht auf die anfangs offen gewesenen Seiten oder 1. B. und IL A., was bei jenem, wie bereits erwähnt, die Fleischseite, bei diesem die Haarseite ist.
Das Pergament des ersten Fragments Seite B. ist, wie schon gesagt, ein Palimpsest und scheint zwar auf den ersten Blick glatt und theils lichtbraun, theils gelblich weiss zu sein, aber bei aufmerksamem Beschauen sieht man gleich, dass es eigentlich bloss gelblich weiss und durchaus rauh ist. Braun und glatt ist es nur dort, wo es mit dem reichlich zum An- kleben genommenen und theils von den Seiten, theils durch Öffnungen der Membran ein- gedrungenen Leim beschmiert ist. An einigen Stellen, z. B. zwischen dem Ende der 7und 8 Zeile, ferner zwischen dem Anfange der 8 und 9 Zeile, erstreckt sich die Rasur nicht über die ganze Oberfläche der Membran, sondern diese trägt noch sichtbare Spuren von Buchstaben aus der getilgten alten Schrift. Es gibt fast keine Zeile, wo man nicht mit der Loupe Spuren von alter Schrift entdecken kann. Dort, wo sich die alte Schrift ganz (in substantia) erhalten hat, namentlich bei den zwei unvertilgten Initialen & Z. 13-16 und A Z. 20-21, erscheint dieselbe viel schwärzer und gleichsam tiefer in das Pergament einge- drungen, als die zweite Schrift. Doch die letzte Zeile der getilgten Schrift ähnelt, mit Ausnahme des ersten Buchstabens 3, einem blossen Schatten, und fällt ausserdem in die Falten der Membran. Übrigens liess auch die ursprüngliche dunklere Schritt dort, wo sie abgeschabt ist, nur braune, keineswegs schwarze Spuren zurück. Die zweite Schrift ist kräftig und rein, aber dunkelbraun, umbrafarben oder sepiafarben, keineswegs so schwarz, als die besser erhaltenen Buchstaben der ursprünglichen Schrift, namentlich die zwei oben- genannten Initialen. Doch liegt noch die Substanz dieser Schrift selbst auf der Membran, nicht etwa bloss ihre Spuren in der Membran. Die Tinte war gleichsam dick, was mit der Loupe an der Beschaffenheit der besterhaltenen Buchstaben leicht zu erkennen ist. Doch sind die ersten und die letzten drei Zeilen merklich blasser, als die übrigen, auch dort, wo kein Grund vorliegt, die Schrift für verwischt zu halten, so dass sie mit etwas dünnerer Tinte geschrieben zu sein scheinen. Sogar die Initiale PZ. 26-27 ist sehr blass, und be reits gegen Ende der 24. Zeile mit dem Worte 2VA: (svě:) fängt plötzlich die blassere Schrift an. Linien zwischen den Zeilen, sei es mit dem Griffel oder mit der Feder, sind keine zu entdecken. Das grosse Loch am linken Rande, so wie die kleinen um dieses. herum, rühren offenbar von Bimsstein oder Schabeisen (rasorium s. novacula) her. Unstreitig stand dort eine Initiale, und als sich der Schreiber überzeugte, wie schwer es nei, die Initialen zu vertilgen, liess er die andern unberührt stehen. Die ursprüngliche glatte und glänzende gelblichweisse Oberfläche des Pergaments ist nur noch dort sichtbar, wo sie weder durch Schaben rauh gemacht, noch mit Leim beschmiert wurde, also nur an sehr wenigen Stellen.
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Das zweite Fragment ist, wenn man die offene Haar- oder Narbenseite betrachtet, auf einem ganz andern, viel gröbern Pergament geschrieben, dessen Farbe nun, theils der grossen Abnützung wegen, theils der Menge des Leimes wegen, mit dem beinahe drei Viertel der Oberfläche stark bedeckt sind, kaum zu erkennen ist. Dieses Fragment ist bedeutend schlechter erhalten, als jenes erste. Die Membran ist gröber, körniger, weniger durchscheinend, so weit es noch zu ersehen eigentlich lederfarben, d. i. hell isabellfarben, keineswegs pergamentfarben, gelblich, durchgängig fein rauh, nirgends glatt. In der 3, 4 und 5 Zeile sind zwar Furchen, gleichsam von Bimsstein, dennoch ist das Blatt sicher kein Palimpsest. Die Schrift selbst litt weit mehr als bei dem ersten Fragment. Es ist geschrieben mit einer rein- und dunkelschwarzen Tinte, deren Spuren bei verlöschten Buchstaben graubraun sind. Die Züge der Buchstaben sind eckiger und krummer, als auf dem ersten Blatte, was zum Theil auch nur eine Folge des rauben Pergaments sein könnte. Die rothen Buchstaben sind mit Mennig geschrieben und haben durch die Zeit am meisten gelitten, so dass sie theils spurlos verschwunden theils ihre Spuren so mit Leim überzogen sind, dass ihren letzten Schatten nur noch derjenige entdecken und sehen kann, der von ihnen schon etwas weiss. Mitten zwischen den Zeilen laufen dünne und mässig tiefe, mit einem Griffel eingegrabene und in schiefeinfallendem Lichte sehr kenntliche Furchen, übrigens weder ganz gerade, noch je zwei und zwei in gleicher Entfernung, aber, so weit sichtbar, bis auf den leeren Rand des Pergaments hin- aus. Am rechten Rand der Columne läuft eine senkrechte Linie, welche aber von den Wörtern am Ende oft überschritten wird. Der linke Rand des zu stark beschnittenen Blattes fehlt gänzlich. Am Ende der 4. und am Anfange der 19. Zeile zerschnitt der Griffel die Membran und verursachte eine Scharte. Der auf diesem Blatte zu dick aufgetragene Leim ist besonders dunkel und dick, beinahe kaffeebraun oder dunkel tabakfarben. In den untern oder 6 Zeilen sind die Buchstaben stellenweise mit einer ganzen Rinde erdiger Pappe beschmiert, und daher, besonders am Ende der letzten Zeile, beinahe bis zur Unkenntlichkeit bedeckt. Diese Rinde befindet sich auch auf dem leeren Rande des Pergaments.
Dass die Farbe des Pergaments bei I. A., als bei der Haar- oder Narbenseite, bedeutend gelber, so wie umgekehrt bei II. B., als bei der Fleischseite, zwar reiner, aber blasser ist, als auf den Seiten I. B. und II. A., liegt in der Natur der Sache. Eine weitere detaillirte Beschreibung dieser beiden Seiten, auf denen die Fragmente angeklebt waren, würde, da dieselben so vielen Wechselfällen beim Ankleben und Abnehmen unterlagen, für die Wissenschaft ganz unfruchtbar sein. ASTR Mika