12 / Sprache
und Dialect

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Die Sprache dieser Fragmente stimmt zwar im Ganzen mit jener der altslawischen Kirchenbücher, wie wir dieselbe in den ältesten Handschriften finden, überein, weicht je- doch im Einzelnen bedeutend von derselben ab und bietet Formen dar, welche der west- lichen Sprachordnung der Slawen und zwar dem Dialect der Böhmen, Mährer und Slowa- ken angehören. Wir finden hier die wesentlichsten Kennzeichen dieses Dialects so voll- ständig und schlagend beisammen, dass dadurch jeder Zweifel gänzlich beseitigt wird. Sol- che Kennzeichen sind: 1) das epenthetische d vor 1: 1. A. 16. modlitvami. 1. B. 9 und 10 svetidiana. -13 und 14 modlitvu. II. A. 19 sedidlana. IL B. 12 vasedli sję. Doel II. B. 10. iselens, nicht isedlens. 2) Der Mangel des epenthetischen nach Labialen: 1. B. 25. préstavenic.-26. zemję, II. A. 10-11. proévèvaše. Doch 1. A. 7. pripo lovlenie, nicht prepolovenie. 3) Die einfachen Sibilanten e und statt der combinirten alt- slawischen Laute if und id: 1. A. 9. prisnotekucs. I. B. 2. prosvěci. 15. chvaljęcims. II. A. 14. obidjee.. B. 15-16. tajecago sje. 23. nasycago. -L B. 10. rozso und 16-17. rozstvo. 22. utvrzzenie. Was die abgekürzte Form rozsso und rozzstvo anbelangt, so kommt dieselbe als rozstvo (neben rožtstvo) auch im Glagolita Clozianus vor, wo sie Kopitar für mährisch und slowakisch erklärte (p. 22 nota ad v. 877-879. Nota formas moravicas rozstvo et porozistvo.......p. 81. rozsivo slovacismus pro rozdastvo alavico.) Ein rožasto findet man auch in den sehr alten cyrillischen Zeilen im Martyrolo- gium zu Raygern, welche Kopitar freilich, jedoch ohne allen triftigen Grund, nicht aner-kennen wollte.

Diese dialektischen Kennzeichen ersten Ranges zusammengenommen oder in ihrem En- semble (denn einzelne davon, wie z. B. der Mangel des statt j fungirenden 1, finden sich ausnahmsweise auch in sehr alten Handschriften bulgarischer Familie, z. B. im Codex Supra- sliensis, im bulgarischen Apostel XII-XIII Jh. u. s. w., jedoch nie e statt át oder s stalt id) sind für die Heimath des Schreibers oder das Vaterland der Fragmente oder beide zugleich entscheidend, so dass die Merkmale zweiten Ranges nun ein um so grösseres Gewicht ge-winnen. Zu diesen zähle ich L. A. 17. vaiěch.-L. B. 2. vašěčské. 5. und 8. vii. II. B. 21. sudišči. II. A. 5. udarenims statt udareniem oder udarenijem. 18. mne statt mene.-I. B. 10. Jéna. II. A. 21. 23. und 24. ferner II. B. 1. eza, sonst altböhmisch - za, statt des altslawischen esa, eda, serb. zar (num.) Nach den hier zum erstenmal so ent schieden auftauchenden vaši statt vasi und visečaskać statt visečaskaě muss ich meine frühere Ansicht über die Aussprache dieser und ähnlicher Wörter, z. B. Česi, hosi, živočisi u. s. w. mit für die ältesten böhmischen Sprachdenkmäler um so mehr aufgeben, als auch die Formen keles, klaster und nespor aus xoga incor, claustrum und vespera für das hohe Alter des zeugen. Dass aber die Elbeslawen, d. i. die Böhmen, Lausitzer, Polabinger u. s. w. schon vor 970 krles sprachen, geht aus dem, was Ditmar vom Bischof Boso erzählt, dass seine Zahörer das xig dyror spöttisch in v kri volia verdrehten, unwiderlegbar hervor. (L. II. c. 23.)

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Endlich rechne ich hieher auch die schwankende, äusserst inconsequente Bezeichnung des Rhinesmus, wie wir sie auch in den lateinisch-orthographirten zwei ältesten böhmischen Fragmenten nämlich in Libuša's Gericht und in Evangelium des h. Johannes antreffen, dem Zustande des frühen Verkommens der Nasalen bei den genannten drei Volkszweigen ange- messen (in Prokop's Evangeliarium keine Spur von Rhinesmus mehr), worüber gleich ein Mehreres.

Es ist übrigens ein beachtenswerther Umstand, dass diese dialektische Färbung, wiebereits angedeutet worden, nicht streng und consequent durchgeführt ist, sondern einige abweichende Formen (prepolovlenie, iselens) unberührt geblieben sind.