06 / Tinte
/ 73
6.
Die Tinte des Fragments 1. B. ist von verschiedener bald hellerer bald dunklerer Sepiafarbe, und scheint rein organischer Natur, ohne Beimischung von Metallsalzen, zu sein (etwaSepia), da sie auch da, wo sie in den Schriftzügen noch in substantia aufliegt, nicht bloss ihre Spuren im Pergamente zurückgelassen hat, durch Reagentien nicht verändert, im Gegentheil durch die Behandlung mit solchen, gleich wie mit reinem Wasser, nur weggewa- schen und blasser wird. Dasselbe gilt von den Spuren der früheren wegradirten Schrift, die zwar da, wo die Züge einigermassen besser erhalten sind, rein schwarz erscheint, aber ebenfalls von Reagentien nicht verlindert wird, also von Tusch, Russ oder einem ähnlichen organischen Stoffe herzurühren scheint. Aus dem Grunde war bei der schon an sich, wie auch durch das Ablösen stark beschädigten Schrift der Vorderseite (A) des Blattes 1. keine Restauration auf chemischem Wege möglich.
Anders verhält es sich beim Fragment II. Schon auf der Vorderseite zeigte der erste Anblick die ganz andere Natur der Tinte. Denn obwohl der Grund des Blattes, an sich etwas dunkler als bei I. B., durch Alter und Schmutz stellenweise eine tiefbraune Färbung angenommen hatte, so trat die tief braunschwarze Schrift dennoch kräftig und deutlich, zum Theil noch reliefartig, hervor. Beim Ablösen des Blattes blieb die eigentliche Substanz der Tinte, mit welcher die Zeilen der Rückseite geschrieben waren, zum grössten Theile auf dem Holzdeckel oder vielmehr auf der glatten und harten Leimschichte zurück, welche das Blatt mit dem Holzdeckel verband; nur einzelne inselartige Flecke des Blattes zogen die Oberfläche der Leimschichte mit sich und zeigten die Schrift in ursprünglicher Conservation. Wiewohl der Text fast ganz entzillert werden konnte, so schien es doch aus mehreren Gründen rathsam, die Rückseite, namentlich einiger anomalen Stellen und Buchstaben wegen, durch Reagentien aufzufrischen. Eine concentrirte Lösung von Schwefelwasserstoff- Schwefelammonium (Ammoniumsulfhydrat), welche jedoch schon längere Zeit bereitet und mässig gelb geworden war, wurde mit einem gleichen Volum Wasser verdünnt und mit einem weichen Pinsel leicht aufgestrichen. Sogleich trat die Schrift in der prächtigsten Deutlichkeit, wenn auch etwas verwaschen, dunkel schwarzgrün hervor, und blieb auch so, nachdem das Blatt einige Minuten lang auf weichem Wasser gelassen und durch mehrstündiges Pressen zwischen oft gewechseltem Fliesspapier vollkommen ausgetrocknet war. Nach einigen Tagen jedoch fing die restituirte Schrift wieder merklich an zu verbleichen, wess- halb das Blatt sogleich zwischen zwei Spiegelplatten verschlossen und durch Verklebung mit Goldpapier der Luft möglichst entzogen wurde, worauf dann die Schrift nur noch wenig abblasste. Bemerkt muss noch werden, dass die durch Ammoniumsulfhydrat restituirte Schrift nur in der ersten Zeit grün erschien, bald jedoch eine bleich kaffeebraune Farbe annahm und behielt. Die rothen Zeichen der mit Ammoniumsulfhydrat behandelten Seite wurden sämmtlich tief schwarzbraun; selbst die auf der andern Seite, welche nicht ein Tropfen Reagens berührte, befindlichen rothen Zeichen und Reste von Zeichen wurden. durch den blossen Dampf des Ammoniumsulfhydrats zum Theil schwarzbraun gefärbt: ein Beweis, dass sie mit Mennig und nicht mit Zinnober geschrieben waren. Die auf der Leimschichte des Holzdeckels zurückgebliebenen Schriftreste wurden durch Ammoniumsulfhydrat fast noch dunkler und schärfer hervorgerufen, als jene auf dem Blatte selbst, und zwar natürlich sowohl die rothen als die schwarzen. Dass die schwarze Tinte des
/ 73
Fragments II. Eisentinte gewesen, dürfte nach dem Gesagten kaum zweifelhaft sein. Das Auf- treten der Schrift durch Ammoniumsulfhydrat in schwarzgrüner Farbe, das nachherige Ver- blassen erklärt sich natürlich durch Bildung von Schwefeleisen und durch dessen Oxyda tion an der Luft. Eine Lösung von Kaliumeiseneyanir (gelbem Blutlaugensalze) brachte di rect angewendet natürlich keine Blauung hervor, und Anwendung von regelrechten Proce- duren (Behandlung mit Chlor u. s. w.) sehien bei dem ehrwürdigen Reste weder rath sam, noch auch nothwendig. - da es sich am Ende nur um Befriedigung der Neugier handeln konnte
Schliesslich will ich noch ausdrücklich bemerken, dass die ursprünglich offen gelege- nen Seiten B. von 1. und A. von II. weder vor, noch bei, noch nach dem Ablösen durch irgend welche Behandlung auch nur im Mindesten beschädigt oder veranstaltet wurden (die einzige schon berührte Einwirkung des Dampfes von Ammoniumsulfhydrat auf die Reste der rothen Buchstaben von IL A. abgerechnet, welche davon grösstentheils etwas dunkler gefärbt wurden), da ich unbengsam und unbeirrt an dem Vorsatz festhielt, diese Seiten in ihrer vorgefundenen Gestalt und Integrität der Nachzeit und ihren Forschern zu erhalten. Aus diesem Grunde konnte zu einer Ablösung auf nassem Wege nicht geschritten werden, indem dadurch die Schrift Lunfehlbar ganz preisgegeben worden wäre, ganz ab- gesehen von der Beschaffenheit des, wenn auch wenig verwitterten, doch höchst morschen und stellenweise fast spinngewebeartig dünnen Pergaments.