01 / Einleitende
Vorbemerkungen
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1.
Es war am 15. November 1855, als mir Hr. Professor Höfler, der um diese Zeit die k. k. Universitäts-Bibliothek fast täglich zu besuchen pflegte, die Mittheilung machte, dass er am Tage zuvor (14. Nov.), bei der Durchsicht der Handschriften der Bibliothek des Prager Metropolitankapitels, in Gegenwart des Hrn. Prof. Gindely, ein böhmisches und ein anscheinend altslawisches Pergamentfragment am Einbande von zwei alten Handschriften entdeckt habe. Am folgenden Tage händigte er mir in der k. k. Universitäts-Bibliothek das böhmische Pergament-Fragment, ein seitdem in der Museumszeitschrift gedrucktes Bruchstück einer gereimten Legende von der h. Anna (aus dem XIII Jb.) zur Veröffentlichung ein, mit dem Bemerken, dass er mich auch mit dem andern Funde bald bekannt machen werde. Hierauf lud mich Hr. Prof. Höfler am 23. November zu sich, und zeigte mir in Gegenwart des Hrn. Prof. Gindely, die Handschrift mit dem altslawischen Fragmente vor. Ich erkannte die Schrift der auf der innern Seite des Ilinterdeckels angeklebten zwei Pergamentblätter, nachdem ich die Handschrift in die rechte Lage gebracht, auf den ersten Blick als glagolitisch und sehr alt, beim nähern Beschen auch als unzweifelhaft echt und daher äusserst wichtig. und erbot mich zur Beschreibung und Herausgabe des Fragments, wozu Hr. Prof. Höfler bereitwillig seine Einwilligung gab. Mit seiner Erlaubniss und seinem Wissen war ich vor allem bemüht, in den nächsten Tagen ein möglich treues Facsimile von der offenen Seite der angeklebten zwei Blätter zu nehmen und ihren Inhalt zu prüfen, so dass ich schon am 17. December 1855, auf dringendes Verlangen, in der Sitzung der philologischen Section der kön. böhmischen Gesellschaft der Wissenschaften in Gegenwart von mehr als zwanzig Gelehrten und Literaturfreunde, denen das Original zur Besichtigung vorgelegt wurde, den. ersten vorläufigen Bericht über die Resultate meiner Prüfung dieser Denkmäler erstatten konnte. Um diese Zeit, nämlich am 19. December, liess ich in der Prager Zeitung (No. 299) eine kurze Nachricht von diesen neuentdeckten Fragmenten abdrucken, die ich hier unten wiederhole 1, und die Augsburger Allgemeine Zeitung veröffentlichte auch, davon. unabhängig, fast gleichzeitig einige von mir nicht veranlasste Berichte über diesen Gegenstand.
Uiberzeugt von dem hohen Alter der beiden Fragmente und ihrer Wichtigkeit für die Geschichte der slawischen Sprache, insbesondere der Schreibekunst bei den Slawen, und durchdrungen von dem Wunsche, diese ehrwürdigen Uiberreste in einem dem jetzigen Standpunkte der Wissenschaft angemessenen Gewande dem theilnehmenden gelehrten Publikum vorzulegen, widmete ich, im Einverständniss mit dem geehrten Entdecker, die nächst folgende Zeit der wiederholten allseitigen Prüfung und Würdigung der Fragmente, so weit sie damals offen lagen, und erst, nachdem ich sowohl der Durchzeichnung, als auch der Be- schreibung des Originals in seinem vorgefundenen Zustande, denjenigen Grad der Trene und Richtigkeit, den zu erreichen mir überhaupt möglich war, gesichert hatte, schritt ich vorsichtig gegen Ende des Monats Januar 1856, auf vielseitige Wünsche, zur Ablösung der Pergamentblätter von dem Deckel und öffnete mir dadurch den Weg zu einer neuen, wo möglich noch schwierigern Arbeit, da ich die Rückseite der beiden Blätter, wie ich vermuthet hatte, ebenfalls mit fast erloschener Schrift bedeckt fand, deren Entzifferung ich mich unverweilt unterziehen musste.. Vom Anfang Februar an bis gegen Ende August 1. J. widmete ich nun den grössten Theil meiner Mussestunden der Entzifferung der stark ausgebleichten und beschädigten Schrift dieser beiden Seiten mit ungeschwächtem Eifer und unablässiger Sorgfalt, so dass ich versichern kann, dass es wenige Tage gab, wo ich diese
1 / Sie lautet: Die beiden neuentdeckten glagolitischen Fragmente. In der am 17. d. M. abgehaltenen Sitzung der philologischen Section der königl. böhmischen Gesellschaft der Wissenschaften erstattete erst das ausser- ordentliche Mitglied Professor Höller einen umständlichen Bericht über die von ihm outdeckten, überans wichti- gen sei glagolitischen Fragmente. Hierauf las das ordentliche Mitglied Bibliothekar Safarik die Resultate seiner kritischen Prüfung und Würdigung dieser Denkmäler. Die Handschrift, in welcher sich diese Fragmente, an der innern Seite des hintern Deckels fest angeklebt, erhalten haben, befindet sich in der Bibliothek des Prager Metropolitankapitels und ist ein lateinischer sogenannter Praxapostolus (d. i. die Apostelgeschichte, die Epistela und die Apokalypse), welche zum mindesten aus dem XI. Jahrhunderte stammt und sich unter anderm auch durch ein vorgesetates siaurciches Miniaturgemälde in byzantinischem Styl auszeichnet, in welchem dis feierliche Uibergabe eines Buches als Geschenk von einem böhmischen Herzog an einen Alit dargestellt wird, woraus mit Recht auf eine besondere Bestimmung oder Widmung des sehr schön ausgestatteten Codes geschlos sen werden kann. Die Fragmente bestehen aus zwei Blättern mit glagolitischer Schrift, welche ursprünglich zwei, vou verschiedenen Schreibern herrührenden, übrigens höchst wahrscheinlich gleichzeitigen Handschriften entnom men wurden. Das erste enthält auf 27 Zeilen sogenannte Exapostilarien (slav. seétilny) d. i. kurse Hymnen, welche an Festungen bei der Mette am Schlusse des Kannus gesungen werden; das zweite aber auf 24 Zeilen Antiphonien und Kathismen (slav, sedilny), welche zum Absingen am Passionstage dienen. Diess ist jedoch nur von der offenen Vorderseite der Fragmente zu verstehen, da dieselben vorläufig aus höchst wichtigen Gründen von dem Deckel nicla, abgelöst wurden. Man kann jedoch mit Zuversicht vermuthen, dass die Rückseite weiter nichts als eine Fortsetzung dieser Kirchenhymnen enthalte. Die Sprachic derselben stimmt zwar im Ganzen mit det sogenannten Aluslawischen oder der Sprache der Kirchenbücher aus der ältesten Zeit überein, weicht jedoch im Einzelnen von derselben bedeutend ab, und ist, was das merkwürdigste ist, stark mit Laut- und Wortfor- men versetat, welche der Sprache der Böhmen, Mahrer und Slowaken eigen sind. Da der Einband der Hand- schrift, wo nicht der ursprüngliche, so doch sehr alt und die Einsetzung der Fragments mit ihm gleichzeitig ist; da diese Blätter, als sie angeklebt warden, augenscheinlich und erweislichermassen bereits sehr alt and stark be- schädigt, d. i. durchlöchert, augerissen and abgenutzt waren; da man mit Grund vermuthen kann, dass sie hier wait Absicht unil Wahl als ein werthes Andenken zur Aufbewahrung angebracht wurden; da ihr Inhalt dem al- teren Zustande der griechischen Kirchenbücher, wie er vor dem Anfang des X. Jahrhunderts war, nicht aber dem spätern entspricht; und da rudlich auch die Gestalt der Buchstaben und die Orthographic für cinc Periode, welche den ältesten bis jetzt bekannten glagolitischen Denkmälern bedeutend vorausging, ein unwiderlegliches Zenguiss gibt: so ist man berechtigt, den Ursprung dieser Fragmente in eine Zeit zu setzen, welche jeuer der apostolischen Thätigkeit des heil. Cyrillus und Methodius und ihrer Gehilfen in Mähren und Pannonien (862- 885) wenig oder gar nicht nachsteht. Eine umfassende Würdigung und Beleuchtung dieser ehrwürdigen Reste mit den Teste und einer Uibersetzung wird von den Berichterstattern in nächster Zeit an's Licht treten, wot bereits alle Vorkehrungen getroffen sind.
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Denkmäler nicht in die Hand genommen hätte, was ohne die tiefste. Uiberzeugung von ihrer hohen Wichtigkeit gewiss nicht geschehen wäre. Ich hätte wohl die Acten über dieselben bedeutend früher schliessen können, wenn ich es nicht für nothwendig erachtet hätte, sowohl das griechische Original, als auch die slawische Version in andern Quellen zu suchen, um dieselben, wo möglich, zur Vergleichung mit dem Texte unserer Fragmente und zur Beglaubigung meiner Lesung derselben herbeizuziehen. Um diess zu erreichen, musste ich mich an mehrere literarische Freunde, sowohl im Inlande, als auch im fernen Auslande, schriftlich wenden, konnte aber auch so, nach langem Harren, bei dem besten Willen derselben, des Gewünschten nicht ganz theilhaftig werden. Ich übergebe demnach das Resultat meiner Untersuchungen theilnehmenden Gelehrten im Nachstehenden zur freundlichen Prüfung, mit dem Bemerken, dass, während sich mein erster kurzer in der kön. böhm. Gesellschaft der Wissenschaften erstatteter Bericht bloss auf die zwei damals offenen Seiten der beiden Fragmente bezog, ich nunmehr in dem folgenden natürlich alle vier Sei- ten gleichzeitig umfassen und meist so besprechen werde, als hätten mir von Anfang her beide Blätter oder alle vier Seiten frei vorgelegen. Ich wende mich zuerst zu der Hand- schrift, in welcher sich die Fragmente erhalten haben, und hierauf zu den letzteren selbst.