13 / Das Alphabet

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13.

Beide Fragmente bieten uns vereint beinahe das ganze glagolitische Alphabet dar, nämlich mit Ausnahme der sonst gebräuchlichen Buchstaben &t und 8 th, welche darin nicht vorkommen, so wie der Buchstaben und ps, welche überhaupt bis jetzt in keinem glagolitischen Denkmal entdeckt wurden, obgleich sie ursprünglich vielleicht in demi Alphabet enthalten waren (Kopitar Glag. Cloz. p. 50.) Insbesondere kommen in dem Fragment L B. folgende 34 Buchstaben vor: h, L, V, %, o, 3, 8, &, 0, 2, 8, 8, M. P. 9, f, b, 2. 00, 5, 3, b, V, 5. W. 8, 88, E, A, F, €, 3€ und 9€, die com- binirten 39 für u und 88 für y, so wie die augenscheinlich zusammengesetzten 3€ und 4e für je und ja, mitgezählt. Die eingeklammerten Buchstaben & und € 9 auf der Schrifttafel sind aus I. A. herübergenommen, der erste aus der gelöschten, der zweite aus der neuen Schrift. Es fehlen also die Zeichen M, P, Q, 8, 96 und B. Dagegen enthält das zweite Fragment folgende 35 Buchstaben: +, E, V, %, &, 3, 2, 3, 6, 2, 8, M., 8, M, P. 9, F, b, 2, 0, 3, 3, 0, b, O. V, 4, W, 8, 88, A, P, 3€ und 36 einschliesslich die combinirten und zusammengesetzten Buchstaben. Es gehen also zur vollständigen Reihe nur folgende fünf Figuren ab: 8, 8, €, 9€ und B. Einige Buchstaben kommen sehr selten vor. So stehen M und bloss einmal, &, q und 3€ bloss zweimal (das & einmal in der ausgelöschten Schrift I. A. als Signatur unten am Rande), & und € bloss fünfmal u. s. w.

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Ungleich grösser ist die Abweichung der Gestalt der Buchstaben in beiden Fragmenten, wenn man sie mit den Buchstaben anderer glagolitischer Denkmäler, sowohl bulgarischer als kroatischer Familie, selbst der ältesten, vergleicht. Um nicht weitläufig zu sein, will ich hier bloss auf folgende Buchstaben aufmerksam machen: mit einem geraden Grundstrich über der horizontalen Linie, & mit einer Schlinge an dem, unten meist rechts, seltner links, gewandten Grundstrich, mit einem ungespaltenen Grundstrich in der Mitte, 9 in 99 als ein rechts mit einem diakritischen Zeichen vermehrtes, modificirtes 9, 39 in beiden Frag menten deutlich aus den zwei neben einander gestellten einfachen Zeichen 3 und 3, gleich dem griechischen or, gebildet, wofür andere Denkmäler schon ein D bieten, endlich 8 und B, augenscheinlich ebenfalls blosse Modificationen des 9 mittelst der links auslaufenden Schlinge. Eine besondere Beachtung verdient noch die Gestalt des Jota im Fragment II., dessen senkrechter Grundstrich mit dem zweizackigen Untergestell ganz dem alten phöni- cischen und hebräischen Jod, so wie das dem hebräischen und aramäischen Koph ent- spricht, so dass sich die rechts oben am Grundstrich angebrachte Schlinge als eine blosse Zuthat des Erfinders des glagolitischen Alphabets erweist, welcher dieselbe auch bei der Bildung anderer Buchstaben aus zum Theil nachweisbaren Elementen, gleichsam das Äthio- pische nachahmend, so gern anwendete, z. B. bei V, %. &, Vu. s. w. Sogar das kommt einmal so vor, was kaum eine blosse Nachahmung des ähnlich gestalteten cursiven in griechischen Handschriften seit dem XI Jh. sein dürfte. (Man sehe alles auf der Taf. Il nach.)

Was die scheinbar dem Griechischen or nachgebildete Combination 88 für das jetzige: slawische, von dem Urheber des Alphabets diphthongisch aufgefasste y anbelangt, so fand ich dieselbe nur noch in dem Evangeliarium Assemani, wo sie mit 82 abwechselt, und in dem ersten glagolitischen Einschiebsel des Achridaner cyrillischen Apostels aus dem XII Jh. bei Hrn. Prof. Grigorovič, während andere alte Denkmäler, so viel mir bekannt, statt deren ein 8X darbieten, was zum griechischen of weniger stimmt, wenn anders dem gleich ist.

Die Schrift von I. A. hat für die Graphik einiges Bemerkenswürdige. Eigenthümlich ist ihr die Gestaltung des €, des 36 (man sehe die Taf. It nach), des P, ferner des 3 und 9, ohne den horizontalen Beistrich in der Mitte. Doch könnte letzterer auch geschwunden sein, da er in der grössern Schrift der Überschriften in 3 erscheint und auch die einmal vorkommende zusammengezogene Majuskel D ihn enthält. Eigenthümlich ist ferner der Gebrauch des Häkchens oder Apostrophs über der Linie statt des B (2) und 8 (), wovon gleich mehr.

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Die Bezeichnung der Nasalen in unseren Fragmenten hat viel Eigenthümliches und verdient eine nähere Betrachtung. Wir finden für die der altslawischen Kirchensprache zuständigen Nasenlaute e und q, prajotirt je und je, in beiden Fragmenten nur drei Zeichen, nämlich im Fragment 1. 36 und 96 für je und je, und im Fragment II. 3€ für q und 36 für je, so dass in jenem das e und 4, in diesem das e und je der gehörigen Bezeichnung entbehren. Nur in der stark verwischten Schrift I. A. ist ein € in eigener Gestalt noch zu entdecken, welche Gestalt dort auch das präjotirte 36 hat. Die Anwendung dieser Zeichen ist nur in einigen Fällen richtig und regelrecht, namentlich 1. A. 17. duše naše. 13. se, aber 21. sję zweimal, 28. (s)e oder (si)e, denn der Buchstab vor g ist nicht zu sehen.-15. ...ic. doch das erste e nicht ganz sicher. I.B. 4-3 grjędět(s). 15. chvaljęcim 26. zemję. II. A. 3. 12. und 17. mję.- 3. vprašachą. 14. obidjec (so).- 22. und 23. tję. II. - B. 14-15. propjets. 15-16, tajecago sje. 16. pomjeni mje. Oft ist aber auch die Be- - zeichnung der Nasalen unterlassen, namentlich I. A. . ...anoju. 9. prisaotekucs. 10. - budets. 18. chvalu. 21. slavu. 23. oslepanuvasi. 29. slavoju. I. B. 6. umu- drėję. 13-14. modlitvu. 20-21. prěmudraě. - 23. davoiceju. 25. bogorodice.-IL - - A. 3. obidu. 4. udarisa.- 4-5. lanitu. 6. Izzeszvěstovachu. 16-17.zakonoprestupno. 17. vazložiša. 20. ta statt te, tje (bei den Slowaken noch jetzt t'a). 22. otzluči. - 22. vapajuce. 18. pomilaj. II. B. 1. othrinu. 13. prèstupi. 19. kupiša. 21. sudišči.- mjenznuju; oder unrichtig vollzogen, namentlich II. A. 14. t. - 22-23. IL B. 22-23. mjenznuju. So wie in diesem letztern Worte der Rhinesmus, so ist in dem Worte pjenstikostie 1. B. 3 und 4 das z nach der Nasale je ein Überfluss. In dem Evangeliarium Assemanianum steht richtig man'na.

Ich komme zu den überzeiligen Zeichen unserer Fragmente. Sie sind von zweierlei Art. Im Fragmente I. A. wird statt des darin allein vorkommenden & sehr oft das dem griechischen Apostroph ähnliche Zeichen (nur einmal umgekehrt) als dessen Äquivalent oder Abbre- viatur rechts über dem Buchstaben gesetzt, z. B. istoè'niks, duchom', světil'na, veselim' sje, dadim' u. s. w. Dieses Zeichen oder statt dessen auch einen Punct findet man nicht nur im Glagolita Clozianus einigemal, z. B. up'ers, r'ano, or'n, op'ranz, zakon'nza, nun'use, im Evangeliarium Assemanianum nicht selten: m'ne, e'to, man'na, tak'mo, und in den ältesten glagolitischen Denkmälern kroatischer Familie äusserst häufig, sondern auch in den ältesten cyrillischen Handschriften gar nicht selten, namentlich in der Legende vom h. Kodrat (als Punct), im Izbornik 1073 (ein dem unsrigen ähnlicher Apostroph), im Codex Suprasliensis, in den Fragmenten eines Psalters und einer Legende von der h. Thekla aus dem XI. Jh. u. s. w. Auch die Griechen brauchten ein ähnliches Häkchen über dem Worte als Abbre- viaturzeichen. (Vgl. Pfeiffer über Bücherhandschriften S. 202.) - Im Fragment II. A. 13. begegnet man auffallenderweise zwei Tonzeichen über dem Worte XP (gr. lovda) und zwar über dem zweiten und letzten Buchstaben desselben. Sie ähneln in Hinsicht der Ge- stalt den griechischen Spiritus, wie dieselben in den Uncialhandschriften des VIII-IX Jh. vorkommen und wurden in slawischen Handschriften in dieser Form, meines Wissens, noch nirgends bemerkt. Dasselbe gilt von dem Zeichen über dem 9 in dem Worte Antifon Z. 15. Es ist der griechische Circumflex in seiner uralten Gestalt. Bei ihrer Anwendung an diesen Stellen mag die Absicht obgewaltet haben, den Sängern die richtige Aussprache der fremden Wörter anzudeuten..

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Endlich ist noch die Ligatur zu erwähnen, welche II. B. 6. und 7. zweimal aus Ver sehen des Schreibers statt des einfachen in milosradi und milosti, und zwar unter der einfachen Titla, steht. (S. Taf. V.)

IWir haben demnach, wie aus dem Gesagten erhellt, in diesen Fragmenten die Schrift von drei verschiedenen Schreibern vor uns, abgesehen von der vertilgten Schrift in dem Fragment I. A. und B., von der es ungewiss bleibt, ob beide Seiten von einer und derselben Hand oder von zwei verschiedenen Händen seien. Letzteres ist mir sogar wahrscheinlicher.

Es ist von selbst einleuchtend, dass diese hier angedeuteten Eigenheiten der Formbil- dung der Buchstaben, so wie ihrer Combination zur Bezeichnung von einfachen Lauten und Diphthongen, für die Geschichte des Ursprungs und der Fortbildung des glagolitischen Alphabets von grosser Wichtigkeit sind: doch kann ich diesen Gegenstand, so interessant er ist, hier nicht weiter verfolgen, wohl aber hoffe ich darauf anderswo zurückzukommen. Ich will nur so viel bemerken, dass wir hier unzweifelhaft den ältesten Typus der Glagolica vor uns haben, und zwar in einer Uncialschrift, aus welcher sich später einerseits die runde bulgarische, andererseits die eckige kroatische Glagolica, jene der griechischen Cursivschrift, diese der lateinischen Fracturschrift analog, entwickelt hat.